Theater

Wrestling Rita - Eine Frau ringt sich durch


Ein Fight über Zehn Runden von Claire Luckham.

Ein Mädchen kommt zur Welt, wird von klein auf von den Eltern belehrt, was es heißt, ein richtiges Mädchen zu sein, wird von einer Mitschülerin gehänselt, weil sie sich wie ein Bub benimmt, will einen ausgefallenen Beruf erlernen und nicht bloß hübsch und heiratsfähig sein. Sie trifft den Mann ihrer Träume, der sich als Macho und Hallodri entpuppt und rauft sich am Ende doch mit ihm zusammen. So weit- so einfach...

Aber die Geschichte von Rita, unserer Titelhelden, wird nicht als Theaterstück erzählt, sondern als WRESTLING MATCH. Denn Rita will Wrestling Queen und Europameisterin werden! In zehn brutalen Runden wird ihr Lebenslauf im wahrsten Sinne ausgekämpft, muss Rita sich gegen Mami und Papi durchringen, sich von ihrer Angstgegnerin Platin-Sue in der Schule einiges reindrücken lassen und ihren zukünftigen Wrestling- und Lebenspartner ordentlich aufs Kreuz legen.

Unter den bissigen Kommentaren eines zynischen Ringrichters, der so manchen Untergriff absichtlich übersieht, kämpft sich in Claire Luckhams feministischem Wrestling-Match (das zwei Jahre erfolgreich im Londoner Westend lief) eine Truppe aus sechs extra akrobatisch geschulten SchauspielerInnen durch die ungewöhnlichste Sport-Komödie aller Zeiten. Voller Körpereinsatz! Das Publikum sitzt bei Popcorn und Getränken um den Ring und es steht allen frei, mit Klatschen, Buhen und Zwischenrufen echte Wrestling-Atmosphäre in die Arena zu bringen!

KRITIK

Normalerweise fällt man im Theater ja eher unangenehm auf, wenn man während der Vorstellung ständig den Mund offen hat. Diesmal dürfen wir unseren Emotionen aber freien Lauf lassen und ungehindert losbrüllen, um das Geschehen mit Schmähworten oder Anfeuerungen zu kommentieren („Tritt ihm ins Leben“!, „Zeig ihm, wo er hingehört!“) – vorausgesetzt, man hat nicht gerade den Mund mit einem Gemenge aus Popcorn und Cola gefüllt. Vor der Sommerpause erleben wir nämlich in der Wiener Scala eine wilde Mischung aus Schauspiel und Schaukampf. Folgerichtig ist das Publikum daher um einen Wrestlingring platziert, der zum alleinigen Spiel- und Kampfplatz wird.
Dramatikerin Claire Luckham legte die Entwicklung ihrer Protagonistin Rita als fortwährendes Wrestlingspektakel an. Das Mädchen ist ständig im Clinch mit dem Leben, wie uns in zehn Runden vorgeführt wird. Los geht‘s bereits im Alter von einem Jahr, als ihre Mutter, die lieber einen Buben gehabt hätte, sie ihre Abneigung fühlen lässt. Die Reihe der handgreiflichen Demütigungen setzt sich über die Lebensjahre hin fort und Rita wird stets die Selbstbestimmung verweigert: so wollen ihre Eltern sie beispielsweise davon abhalten, Matura- und Studienpläne zu verwirklichen - und da sich alles im Ring abspielt, verwenden sie auch diesmal rohe Gewalt. Kein Wunder, dass Rita endlich die Geduld reißt und sie selber auszuteilen beginnt.
In der Hauptrolle dürfen wir Klara Steinhauser erleben: das zierliche Mädchen ist keinesfalls zu unterschätzen und steht im Ring ihre Frau. Wenn sie ihre Gegner in eine Beinschere nimmt (die luftdrosselnde Umklammerung ist Ritas Spezialität und wird ‚Venusfliegenfalle‘ genannt), ertönt bald der Gong und die Runde geht an sie.
Während anfangs die negativen Szenen überwiegen, wird in der 5. Runde mit Tino Führers Auftritt alles anders. Vor wenigen Monaten haben wir ihn an dieser Bühne noch als kraftvollen Othello erlebt. Nun spielt er den Hamburger Wrestlingstar ‚Tino the Rock‘ und sobald er elegant über die Seile in den Ring flankt (eine Kunst, die er perfekt beherrscht und mehrmals stolz wiederholt), verbreitet er sofort einen schalkhaften Charme. Noch dazu verfügt er über einen entsprechend durchtrainierten Körper und man nimmt ihm den Profiringer sofort ab. Doch nachdem dieser Kraftlackel Ritas Ehemann geworden ist, beginnt auch er ihre Freiheit einzuschränken und alles läuft in der 10. Runde auf einen großen Endkampf im Zeichen der Emanzipation hinaus. Dabei vertreten die Figuren in Ritas Umgebung Ideen, die heutzutage etwas veraltert wirken – nicht umsonst kündigt der Ringrichter das finale Duell als Kampf des 19. gegen das 21. Jahrhundert an.
Das Originalstück ist in einem Stadtbezirk von Manchester angesiedelt, Regisseur Marcus Ganser hat sich für seine Textfassung jedoch dem Wienerischen verschrieben, was sich selbstverständlich unmittelbar auf das Erscheinungsbild der Figuren auswirkt. Ritas Papa (Rochus Millauer) sieht z.B. aus wie Edmund Sackbauers dickster Freund (der Bierbauch wird kaum vom Ruderleiberl gebändigt) und benimmt sich auch dementsprechend. Ein würdiges weibliches Gegenstück ist Claudia Marold als Ritas Mama mit Lockenwicklern im Haar und herben Sprüchen auf den Lippen. Ronny Hein verkörpert einen ungemein windigen und wendigen Schiedsrichter – kurz Schiri genannt; und Teresa Renner spielt mit großem Engagement und Körpereinsatz ein herziges Blondummchen.
Den Darstellern wird diesmal enorm viel abverlangt (abgesehen von allen anderen Künsten müssen sie auch noch singen können). Allerdings treiben sie es im Ring dann doch nie so wild, dass Blut und Schweiß auf uns herabregnen. Ausgebildet in Wrestling-Choreographie wurden sie vom kampferprobten Wiener Gerhard „Humungus“ Hradil. Wer auf diese Weise Theater spielt, erspart sich das härteste Fitness-Studio.

franco schedl

Inszenierung & Bühne: Marcus Ganser
Co-Regie: Robert Wilde
Kostüm: Alexandra Fitzinger
Musik: Fritz Rainer

Es spielen für Sie: Isabel Blumenschein, Claudia Marold, Teresa Renner, Klara Steinhauser, Tino Führer, Ronny Hein, Rochus Millauer, Martin Pain


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