Ausstellung: Wissen

Wohin der Krieg führt. Wien im Ersten Weltkrieg 1914-1918


Die Wienbibliothek im Rathaus zeigt von 15. November 2013 bis 23. Mai 2014 historische Dokumente aus der sogenannten "Kriegssammlung", die auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters Richard Weiskirchner angelegt wurde.

Keine europäische Großstadt hat im und nach dem Ersten Weltkrieg eine Metamorphose ähnlicher Art erlebt: Wien, zur Hauptstadt eines kleinen Restes eines mächtigen Imperiums degradiert, wurde in Europa zum Synonym für einen umfassenden urbanen Niedergang. Der triste Hungeralltag seiner Einwohnerinnen und Einwohner machte aus der einst glanzvollen Metropole eines Großreiches, in der der Kaiser eines Imperiums von 53 Millionen Einwohnern residierte, eine "sterbende Stadt".

Das Kriegsgeschehen erreichte Wien durch die in den Zeitungen publizierten Toten- und Vermisstenlisten, durch die Ankunft der hunderttausend Verletzten und Flüchtlinge, aber es hat die Stadt nicht direkt betroffen. Und doch standen die Jahre 1914 bis 1918 genauso im Zeichen eines »totalen Krieges«, der Zerstörungen anderer Art hinterließ. Im Gedächtnis der Groß- und Urgroßeltern wurde der Erste Weltkrieg assoziiert mit Hunger, Kälte und Entbehrungen, mit Brot- und Kartoffelkarte, Tuberkulose und Spanischer Grippe sowie einer stark erhöhten Sterblichkeitsrate. Die Qual der alltäglichen Überlebenskämpfe, die demütigenden Erlebnisse des Anstellens und Hamsterns, die Erfahrungen von Ablehnung und Ausgrenzung im Wiener Umland schufen ein Klima des Aufruhrs – und ein Trauma, das nicht so schnell vergessen werden sollte. All das war allerdings das Fundament für einen radikalen Politikwechsel. Die physischen und psychischen Verwüstungen des Ersten Weltkriegs schrieben die Vorgeschichte einer neuen Sozialgesetzgebung, einer gesellschaftlichen Demokratisierung, einer grundlegenden Gemeindewahlrechtsreform, eines großen Wohnbauprogramms. Überdies hinterließ der Erste Weltkrieg Wien mit einer gebrochenen politischen Identität. Die Rolle der Reichshaupt- und Residenzstadt war ausgespielt.

Eine Stadt stirbt
Noch 1916 priesen die Feuilletonisten die neue Schlankheit. »Durchhalten!« wurde zur propagandistischen Parole der Stunde. Das Gros der Bevölkerung war längst unterernährt, Kleider und Anzüge passten nicht mehr, Mittel gegen Krätzmilben waren stark nachgefragt, Schuhe und Ledersohlen wurden zum hoch begehrten Gut. Müllabfuhr und Schneeräumung funktionierten nicht mehr, der Straßenbahnverkehr wurde zur Qual. Landgemeinden taten mit Tafeln kund, dass »Hamsterer«, Ausflügler und Sommerfrischler aus Wien unerwünscht seien. Die Wiener Bevölkerung fühlte sich eingesperrt, vergessen von Regierung und Verwaltung. Jugendliche zogen auf der Suche nach Nahrung plündernd durch die Stadt. Die Stimmung war aggressiv, die Klage über die Kriegsgrobheit allgegenwärtig, Rücksicht und Höflichkeit blieben im Überlebenskampf auf der Strecke.

Die Urbanität starb. Autos und Fiaker waren von den Straßen verschwunden, in den Schaufenstern dominierte die Leere, viele Waren gab es nicht mehr, an den versperrten Türen der Restaurants hieß es: »Bis Kriegsende geschlossen«. Bis auf einige wenige Ausnahmen wurde jegliche Bautätigkeit eingestellt, viereinhalb Jahre lang gab es kaum Renovierungen. Der U-Bahn- Bau blieb mit Kriegsbeginn in der Planungsphase stecken.

Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 9 bis 18.30 Uhr, Freitag von 9 bis 16.30 Uhr


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