Theater

Im Sitzen läuft es sich besser davon


Alois Hotschnigs Blick auf die letzte Strecke des Lebenswegs ist stets liebevoll und doch unerbittlich, grotesk und bittersüß. Wehmut und Komik reichen sich die Hand. „Im Sitzen läuft es sich besser davon“ ist eine sprachlich präzise und hochmusikalische Partitur über die Herausforderung des Alterns, voller Würde und Verzweiflung.

Alt sind sie geworden, und ihre Welt immer kleiner. Noch behaupten sich Karl und Gerda gegen den schleichenden Verfall, der Küchentisch ist das Schlachtfeld ihres letzten Gefechts. Längst bestimmt „Essen auf Rädern“ den Ablauf der Woche, das Warten auf die nächste Mahlzeit definiert den Tag, der in immer engeren Grenzen verläuft. Freunde, Reisen, all das ist Schnee von gestern. Das Reden ist die einzige Waffe im Kampf gegen den unausweichlichen Niedergang.

Ging es früher um Muscheln aus cattolica und Kugelfisch aus Antares, besteht die Gegenwart aus „Spinat, Püree, Spiegelei und Salat“, aus Medikamenten, die den Ablauf des Tages bestimmen, und aus Einkaufstouren, die nicht mehr gelingen, weil so vieles verschwimmt. Das letzte Abenteuer ist die Bewältigung des Alltags, der letzte Stolz, dass man noch nicht im Pflegeheim gelandet ist, wie all die anderen: „Unsere Freunde besuchen wir, Karl. Und danach gehen wir wieder nach Hause. Wir können hingehen, und wir kommen wieder zurück. Das können sie nicht.“

Erinnern wird zum Ritual, zur Beschwörung der verlorenen Zeit. Kleinigkeiten werden groß, werden brüchige Trittsteine im Strom des Verwechselns und Vergessens. Doch nichts rettet einen, wenn man den eigenen Sohn nicht mehr erkennt oder wenn die Wohnung brennt, weil man den Herd vergessen hat. Als Gerda ins Pflegeheim zieht, verliert das Reden den letzten Zusammenhang, wird zum absurden Rondo über verloren geglaubte Zähne und vergessene Wege. Am Ende bleibt es das Warten, das alles bestimmt und dem Sitzen vor Kafkas berühmter Tür gleicht: Wird man eingelassen, irgendwann einmal, heute oder eben erst nächste Woche? In der immer kleiner werdenden Wirklichkeit bekommt jedes Detail Bedeutung, und die Realität, die dabei konstruiert wird, ist so eigensinnig, dass es staunen macht.

Besetzung:

Gerda Daniela Enzi
Karl, ihr Ehemann Harald Fröhlich
Paul, ihr Sohn Marcus Marotte
Herr Renk, Bewohner des Heimes Olaf Salzer
Frau Orter, Bewohnerin des Heimes Julia Gschnitzer
Frau Braun, Bewohnerin des Heimes Ulrike Arp
Assistentin in der Ordination Christiane Warnecke
Frau Pribil, Patientin Ulrike Arp

Regie Max Claessen
Ausstattung Mirjam Benkner
Licht Marcel Busa
Dramaturgie Christoph Batscheider
Regieassistenz Veronika Zangl
Maske Andrea Linse


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