Vortrag

Wiener Vorlesungen


Klara Löffler und Hanni Rützler im Gespräch mit Hubert Christian Ehalt.

Die kollektive Herstellung, Herbeischaffung und Zubereitung der Nahrung und das gemeinsame Essen in Gestalt eines rituellen Mahles sind in den letzten Jahrtausenden aus dem Zentrum an die Peripherie des sittlichen Handelns gerückt. Die das Essen betreffenden Ordnungen stellten in den historischen Kulturen bis weit in die Neuzeit Frieden, Freundschaft und jedenfalls in einem gewissen Maß Komplementarität zwischen den Tischgenossen her: zwischen den Menschen und den Göttern, zwischen den Menschen untereinander und zwischen den Lebenden und den Toten.

Im Umgang mit Nahrungsmitteln und ihrem Verzehr manifestierten sich in der Geschichte in vielen Regionen bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts fundamentale Fragen und Ordnungen des Existentiellen. Heute ist das Essen zu einem banalen Akt des Tagesablaufs, zu einem genormten Puzzlestein des Alltäglichen geworden, weil es aus dem Kontext einer heiligen Tischgemeinschaft herausgelöst wurde. Die Nahrungsaufnahme wurde im Prozess der Modernisierung der letzten 200 Jahre entsakralisiert und säkularisiert. Aus dem "Heiligen Brot" wurde der "Big Mac".

Die Tischgemeinschaft stiftete und stiftet zwischen den Menschen Gemeinschaft und Freundschaft. Gastfreundschaft wurde in vielen Kulturen, vor allem in den Kriegergesellschaften, durch das symbolische Überreichen ausgewählter Nahrungsmittel begründet. Das gemeinsame Essen verband und verbindet Familienmitglieder, Eheleute, Zunftgenossen, Mitglieder von Brüderschaften, aber auch Kolleginnen und Kollegen in der Arbeitswelt. Im Zuge einer gesellschaftlichen Entwicklung radikaler Individualisierung und Singularisierung wurden und werden mit der Tischgemeinschaft vielfach auch gesellschaftliche Beziehungen des Zusammenhalts und der Solidarität aufgelöst.

Die alteuropäische Gesellschaft – die vorindustriellen Gesellschaften alle – war durch Knappheit der Ressourcen geprägt. Eine nicht beschränkte Verfügungsmöglichkeit über Lebensmittel galt als wichtiger Ausdruck gesellschaftlichen Prestiges. In der Geschichte waren die Reichen wohlgenährt, in der gegenwärtigen westlichen Welt sind die Führungskader schlank, jedenfalls aber ständig um die Erhaltung oder Erreichung des Schlankheitsideals bemüht. Eine große Körperfülle wird mit pejorativen Begriffen wie Übergewicht, Fettleibigkeit, Fettsucht beschrieben.

Im Verzehr von Nahrungsmitteln dokumentiert sich ein langfristiger Prozess der Zivilisation, der die letzten 400 Jahre umfasst. Beim gesitteten und disziplinierten Essen mit Messer (mit abgestumpften Spitzen), Gabel und Löffel demonstrieren die "feinen Leute", dass sie die Spielregeln der Benimmvorschriften beherrschten, dass sie wissen, welche Gläser für welche Weine zu verwenden sind und welche Soßen zu welchen Braten serviert werden sollten. Häufig verändert der Zubereitungsprozess Farbe und Aussehen von Fleischspeisen, sodass nicht mehr zu erkennen ist, dass eine Speise aus tierischen Produkten zubereitet wurde. Kinder wissen häufig nicht, woraus z. B. die geometrisierten Fischstäbchen oder Chicken McNuggets hergestellt werden.

Um dem wesentlich auch durch Rinderzucht und die Emissionen der Rinder verursachten Klimawandel zu begegnen, wird es notwendig sein, den Verzehr von Rindfleisch drastisch einzuschränken. Außerdem bedarf es für die Produktion eines Kilogramms hochwertigen Rindfleisches eines Vielfachen an Getreide. Eine wachsende Zahl von in Umweltfragen engagierten Gruppierungen setzt sich daher für vegetarische, immer mehr auch für vegane Ernährung ein. Dahinter steht die Akzeptanz der Tiere als Begleiter, Partner oder Mitbewohner auf dem Planeten Erde, die in viel stärkerem Maß des Schutzes durch die Menschen bedürfen.

Trotz einer hochentwickelten Lebensmittelindustrie, einer effizienten Lebensmittelhygiene und Konservierungstechnologie leidet rund 1/9 der Menschheit unter Hunger. Die endgültige Beseitigung des Hungers gehört zu den großen Herausforderungen der Menschheit.

Text: Hubert Christian Ehalt


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