Theater

Von Mäusen und Menschen


Nobelpreisträger John Steinbecks ebenso empathische wie illusionslose Beschreibung von hart arbeitenden Menschen, die nie über den Tag hinaus planen können und keine Aussicht auf Aufstieg haben, ist in der heutigen Zeit der "prekären Arbeitsverhältnisse" aktuell wie damals.

Die USA zur Zeit der großen Wirtschaftskrise in den Dreißiger Jahren: Wie Millionen Entwurzelter ziehen zwei ungleiche Wanderarbeiter auf der Suche nach einem Saisonjob übers Land: George, der auf ein besseres Leben hofft, und Lennie, der zwar bärenstark und freundlich, aber ein bisschen langsam im Kopf ist.

Auf einer großen Farm können sie ein paar Dollar als Erntehelfer verdienen, doch fällt es George schwer, gleichzeitig seinen Lebenstraum von einem eigenen kleinen Hof nicht aus den Augen zu verlieren und den ebenso kindlichen wie gefährlich tollpatschigen Lennie aus Schwierigkeiten heraus zu halten. Die brutale Hierarchie und der Alltagsrassismus auf der Farm und die unausgelastete junge Frau des Sohns vom Boss machen es den beiden auch nicht leichter. Als Lennie einen Hundewelpen versehentlich aus lauter Liebe erdrückt, beginnt eine Entwicklung, die in die Katastrophe führt...

KRITIK

Egal, ob für Mäuse oder Menschen – es sind deprimierende Zeiten. Kein Wunder: schließlich herrscht gerade die Große Depression, als die Wanderarbeiter George und Lennie durchs amerikanische Hinterland ziehen und sich mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt verdienen. Bei diesem ungleichen Duo hat der kluge George (gespielt vom smarten Philipp Stix) das Sagen, während ihm sein Freund aufs Wort gehorcht. Dieser Lennie ist zwar ein richtiger Koloss, verfügt aber über das Gemüt eines Kindes und kann seine Bärenkräfte leider nicht immer wohldosiert einsetzen – sobald er „etwas Schönes“ streicheln möchte, geht schon mal ein Gegenstand oder womöglich gar ein Lebewesen kaputt. Dadurch geraten die beiden immer wieder in ernsthafte Probleme und an ihrem neuen Arbeitsplatz bahnt sich erst recht eine Katastrophe an, weil die kokette, gelangweilte Frau des eifersüchtig aufbrausenden Farmerssohnes (Sebastian Blechinger bietet überzeugende Wutausbrüche) allen Männern schöne Augen macht. Wunschträume von der eigenen Farm und einer gesicherten Zukunft gewähren nur einen kurzen Aufschub, bis alles mit unerbittlicher Folgerichtigkeit auf ein tragisches Ende zusteuert.
In der Rolle des Lennie ist Paul Basonga eine wahre Naturgewalt: wie er es fertig bringt, sich in die zarte Riesenseele des armen Kraftlackels hinein zu versetzen, wird man so schnell nicht mehr vergessen. Als einzige Frau in dieser harten Männerwelt macht Melanie Flicker nicht nur eine gute Figur, sonder lässt uns erkennen, dass hinter den aufreizenden Posen viel Verzweiflung und Zerbrechlichkeit steckt.
Regisseur Bruno Max hat die Spielfassung von John Steinbecks berühmter Landarbeiter-Saga für die Wiener Scala auch gleich selber erstellt und obendrein an der Raumgestaltung mitgewirkt. Diesmal kann man zu Recht von Bühnenbrettern sprechen, denn der Schauplatz ist immer durch Holzplanken umzäunt: entweder geht die Handlung in der Arbeiterbaracke oder in einer benachbarten Scheune vor sich, während im Hintergrund ein reifes Kornfeld durchschimmert; und eine entsprechende Geräuschkulisse lässt nie vergessen, wo wir uns gerade befinden: der akustische Landausflug reicht von Grillengezirpe über Hühnergegacker bis Hundegebell. Übrigens zählt zu den Mitwirkenden sogar ein echter Hund, den uns die Besetzungsliste unbegreiflicherweise vorenthält; und das, obwohl der Titel doch für die Gleichsetzung aller geschundenen Kreaturen plädiert. Dennoch besteht kein Grund, darüber depressiv zu werden – dafür ist die Inszenierung viel zu erfreulich.

franco schedl

Regie und Bühnenfassung: Bruno Max
Raum: Bruno Max und Marcus Ganser
Kostüme: Alexandra Fitzinger
Musik: Fritz Rainer

Es spielen für Sie:
Melanie Flicker, Paul Basonga, Roman Binder, Sebastian Blechinger, Franz Robert Ceeh, Philipp Stix, Michael Werner


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