Kunstausstellung

Valentin Ruhry. Grand Central


Mit der Ausstellung Grand Central eröffnet Valentin Ruhry Assoziationsräume zur Reflektion über den soziokulturellen Wandlungsprozess, der durch das Internet als Leitutopie unserer Zeit in Gang gesetzt wurde, und übt subtile Kritik an den Erlebnisdimensionen der gegenwärtigen Konsumkultur.

Für seine Einzelausstellung im MAK entwickelte der Künstler, dessen Arbeit zwischen Skulptur und Konzept angesiedelt ist, eine raumgreifende Installation, die formal und ästhetisch auf das Corporate Design der Verkaufspräsentationen internationaler Unternehmen für digitale Güter anspielt. Mit dem Ausstellungstitel Grand Central nimmt Ruhry sowohl direkt als auch im übertragenen Sinn Bezug auf das Thema „Dezentralität“, das als wesentliche Komponente der digitalen Welt vor dem Hintergrund der globalen Vernetzung und Analyse von Menschen, Waren und Daten im Rahmen digitaler Medien und sozialer Netzwerke zu lesen ist. Er benennt damit zugleich jenen Ort, an dem ein weltbekanntes Unternehmen für Computertechnologien seit 2011 einen seiner größten Stores bespielt: den Grand Central Terminal am gleichnamigen Bahnhof in New York, der täglich von 750 000 Menschen frequentiert wird.

Mit dem nahezu sakralen Charakter ihrer Verkaufspräsentationen, der verführerischen Ästhetik ihrer Produkte und der vordergründigen Selbstverständlichkeit ihrer Präsenz inmitten großer Flächen öffentlichen Raums spielen Unternehmen, gerade im Bereich der digitalen Innovationen, sehr sublim mit dem Begehren der KonsumentInnen. In seiner puristischen Installation greift Ruhry das subtile Display eines derartigen Stores auf und präsentiert anstelle der technischen Geräte eine Auswahl von Alltagsobjekten aus dem Kontext des Bahnhofs, die er aus Aluminium abformen ließ. Durch ihre Materialität abstrahiert und zum Einzelstück erhoben, werden sie im auratischen Gefüge ihrer Präsentation zugleich aufgewertet und ihrem ursprünglichen Gebrauchs- und kommerziellen Wert entzogen. Die auf emotionale Affirmation ausgerichteten Botschaften der Unternehmen im digitalen Sektor lassen vergessen, dass beim Kauf des Produkts oder dem Einstieg in das Netzwerk nicht nur die Kontrolle über die eigene Identität und über die persönlichen Daten eingetauscht wird, sondern sich auch der Kreislauf eines sich zunehmend verselbständigten Markts schließt.

Bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in den USA im Vorfeld der MAK-Ausstellung vertiefte der Künstler seine Recherchen zu aktuellen sozioökonomischen Themen wie dezentralen Märkten und alternativen Währungen, Bitcoin, Startups, Sharing Economy, regulierten Märkten und den „neuen“ Kunstmarkt. Ruhry weist in diesem Zusammenhang auf die Entwicklung eines neuen anarchistisch kapitalistischen Geistes hin, die er in Bezug zu dem österreichischen Ökonomen und Politiker Joseph Schumpeter (1883–1950) und dem Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ stellt, dessen Kernaussage darauf aufbaut, dass jede ökonomische Entwicklung nur durch die kontinuierliche Verdrängung und schließlich Zerstörung bestehender Produktionen möglich ist. In diesem Zusammenhang stehen nicht nur in immer kürzer werdenden Abständen angebotene „Updates“, die bestehende Technologien oder Produkte obsolet machen, sondern auch das Prinzip „Sharing is Caring“, das im Kontext der Sharing-Ökonomie und kollaborativen Commons die Grenzen des Eigentums auflöst und bestehende Dienstleistungen von Privatpersonen durch Mechanismen der Selbstkommerzialisierung in Prekariate drängt.

Zwei neue Lichtarbeiten des Künstlers, Zen for LED-TV und 4 out of 5 (beides 2014), sind ebenfalls vor dem Hintergrund seiner Beschäftigung mit einer Gesellschaft wechselseitiger Bewertung zu lesen, in der zunehmend jede Handlung ökonomisiert wird. Diese Auflösung der Trennung zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen findet im aktuellen Diskurs über den Gegenwartsroman von Dave Eggers The Circle (2013) eine dystopische Zukunft und reflektiert die Arbeit des kanadischen Philosophen Marshall McLuhan, der das World Wide Web – fast dreißig Jahre bevor es erfunden wurde – als „weltumspannende Dorfgemeinschaft“ („global village“) prophezeite. Im Kontext von Vernetzung, Datenfusion und der zunehmenden Monopolisierung und Politisierung vormals dezentraler Netzwerke bezieht sich Ruhry auch auf den Informatiker Joseph Weizenbaum, dessen visionäres Buch Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft (1977) der Künstler in Referenz zu den Grenzen der Mensch-Maschine-Beziehung in die Ausstellung integriert.


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