Jazz

Tom Rainey Trio


Der Mann an Ingrid Laubrocks Seite gibt im TOM RAINEY TRIO bei "Camino Cielo Echo" (Intakt CD 199) nun selbst den Ton an, auch wenn je 4 der 13 Stücke von Laubrock bzw. der Dritten im Bunde, ihrer Anti-House-Mitbewohnerin Mary Halvorson stammen.

Der 1957 in Santa Barbara geborene, schon früh als Ausnahmeerscheinung erkannte Drummer, der seit dem Anschluss an die New Yorker Szene Anfang der 90er seine hintergründige Spur gezogen hat, mit Andy Laster, Mark Helias, Tim Berne, Simon Nabatov, Tony Malaby, in Formationen wie Big Satan, Hardcell und Open Loose und in Sleepthief dann schon mit Laubrock, ist erst 2010 erstmals als Leader in Erscheinung getreten. Pool School (Clean Feed) war zugleich das Debut dieses Trios, das im Zusammenklang von Saxophon und Gitarre gleich als Erstes mal vorschlägt, nicht das Erwartete zu erwarten ('Expectation of Exception'). Die Ausnahme ist die Regel. Im Titelstück und 'Arroyo Burrow' verweist der Drummer, von dessen hängenden Mundwinkeln man sich nicht täuschen lassen sollte, auf seine kalifornische Herkunft. Nicht mit musikalischen Landschaftsbeschreibungen, eher als Niederschlag eines bestimmten Blickes, eines bestimmten Lichtes, in der Sensibilität für Nuancen, im Schimmern von Laubrocks Ton, zu dem Halvorson wie ein Bächlein spru delt. Rainey rollt im einen Moment noch Kieselsteine, um im nächsten in gewagter Eintönigkeit zu stagnieren. Gerade indem die drei Stimmen ein Eigenleben nebeneinander her zu führen scheinen, machen sie das Miteinander komplex, widersprüchlich, lebensecht. 'Mullet Toss' kommt da wie ein Schock, als heftiger Gitarrenausbruch mit bissigem Saxo phon, der aber eine unerwartete Wendung nimmt. Die 6 Min. würden genügen, um Halvorsons Ruf als eine der eigenwilligsten Gitarrenstimmen zu festigen. Zu Laubrocks Ver schmelzung von Verstand und Poesie spielt sie, kapriziös, quecksilbrig, bei 'Fluster' auch furios, den Trickster, der viel zu selten weiblich gedacht wird. Übergangslos wechselt sie zwischen Arpeggios, zickigen Sprüngen und psychedelischen Verformungen. Ob beim gestaltwandlerischen '...Little Miss Strange' sie gemeint ist? Und Laubrock beim rasanten 'Leapfrog'? Rainey hat alle Hände voll zu tun, um ihren verträumten Gesängen - das Titel stück, das er dunkel bepaukt, 'Mental Stencil' und 'June' sind solche Tagträumereien - und ihren Screwballlaunen zu folgen, sie geistesgegenwärtig zu verankern, oder, der Schön heit zuliebe, noch zu animieren. Aber nur so kommt man dem Himmel so nah. (Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, BA 72, 2012)

Tom Rainey hat sich, und er kann sich diese Herausforderung ja wirklich leisten, dieser Trioaufgabe gestellt, besetzt mit zwei eigenwilligen, eigenständigen und hochtalentierten Musikerinnen, die sich auf ‚Camino Cielo Echo‘ auch als Komponistinnen einbringen dürfen. Man hat sich schon aufeinander eingespielt, bereits auf der feinen Laubrock-CD ‚Anti-House‘ gab es dieses Besetzung (mit John Hebert zusätzlich am Bass). Rainey ist der etatmäßige Drummer bei den Projekten der Saxofonistin. Es beginnt mit einer gut abgehangenen Zeitlupenballade, mit interessanten Widerborstigkeiten, setzt sich mit dem schrägen, schrillen und wunderbar lärmenden ‚Mullet Toss‘ fort, bei dem die Laubrock röhren darf, was das Saxofon hergibt, und die Gitarre der Komponistin Halvorson in Rypdal’scher Manier Kontrapunkte setzt, Atmosphäre schafft, eine fragile, beinahe an alte Jazzrock-Zeiten erinnernde Welt generiert. Der Leader setzt den Stücken mit seiner hochkonzentrierten, lakonischen Präzisionsarbeit am Schlagzeug die stets richtige Farbgebung auf. Malt, ohne sich in den Vordergrund zu trommeln, mit stetigen Energieschüben Überschriften an die rissige Wand der Soundmauer. Er ist einer dieser stillen Perkussionskünstler, die eine Band prägen können, ohne dauernd einen Rhythmusfuror veranstalten zu müssen. Paul Lovens, nur der guten Ordnung halber erwähnt, gehört auch in diese Kategorie. Ein sensibles Miteinander entsteht dabei, ein drängendes Fortschreiben einer bedeutenden Sache, ohne sich selbst dabei allzu wichtig zu nehmen. Einer der Höhepunkte dieser sehr schönen CD ist der Take von Ingrid Laubrock, ‚Arrow Burrow‘. Wie sich da die Gitarre behutsam ins Stück schleicht, die Laubrock am Saxofon antwortet und dann Rainey in rasselnder Selbstverständlichkeit die Ausflügler auf einen gemeinsamen Weg zusammenführt, ist einfach hörenswert. Anhören, staunen, weitersagen! (mitter, Freistil, April 2012)

Tom Rainey: drums
Mary Halvorson: guitar
Ingrid Laubrock: saxophone


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