Kunstausstellung · Fotografie Ausstellung

To Draw A Bow To Bend A Line


Lange Zeit geradezu in geschwisterlichem Naheverhältnis gesehen, ist heute fast vergessen, wie viele Berührungspunkte es zwischen Kunst und Wissenschaft gibt. Die FOTOGALERIE WIEN zeigt acht künstlerische Positionen, die unerwartete Erkenntnisse hervorbringen.

Lange Zeit geradezu in geschwisterlichem Naheverhältnis gesehen, ist heute fast vergessen, wie viele Berührungspunkte es zwischen Kunst und Wissenschaft gibt. Gilt es doch da wie dort die Welt neu zu denken, neue Verstehensmodelle zu erproben oder Bilder für etwas zu finden, das gerade noch ungreifbar erschien. Experiment und Versuchsanordnung liegen dabei nicht selten im Kern des jeweiligen Unterfangens. Die FOTOGALERIE WIEN zeigt acht künstlerische Positionen, die unerwartete Erkenntnisse hervorbringen. Was eben noch als Linie gedacht wurde, darf jetzt einen Bogen schlagen: In der Ausstellung To Draw a Bow to Bend a Line werden Lichtwellen gebrochen und Wellenbewegungen eingefangen, die DNA zum Klingen gebracht und Bakterien in ungeahnten Beschäftigungsmöglichkeiten eingesetzt.

In seiner Installation BREAKWATER (2008-2010) greift Alan Cicmak auf einen Film von Thomas A. Edison zurück, der 1901 von einem kleinen Boot aus die Konstruktion eines Hafendamms dokumentierte. Cicmak konzentriert sich auf eine zwei Sekunden kurze Sequenz, die neben den Arbeiten am Pier auch den starken Wellengang festhält, dem das Boot und somit die Kamera ausgesetzt ist. Die 48 Frames dieser Sequenz werden als Transparentfolien hintereinander gehängt und der Höhe nach an der Horizontlinie ausgerichtet, was die Wellenbewegung von vorne gesehen scheinbar nivelliert. Von der Seite aber zeigt sich ein Kurvenschlag in der Hängung, der in seiner unverbrauchten Exaktheit den Wellengang als Trouvaille einer vergangenen Zeit ans Tageslicht hebt.

Edgar Lissel gelangt durch seine Beschäftigung mit Cyanobakterien zu einer eigenen Methode der Bilderzeugung. Er nutzt die Eigenschaft dieser Bakterien, sich zum Licht hin zu orientieren: In einer Agar-Nährlösung in durchsichtigen Petrischalen wachsen die Bakterienkulturen entlang der von ihm vorgegebenen Bilder. Anschließend fixiert er diesen biologischen Prozess mittels Fotografie. Für die Arbeit Bakterium – Selbstzeugnisse (1999–2001) zeichnen die Bakterienkulturen Mikroskopaufnahmen ihrer selbst nach. Lissels Fotografien dokumentieren den Moment dieses Verlebendigungsprozesses des Bildes, in dem die sonst von bloßem Auge unsichtbaren Wesen sich selbst in Überlebensgröße sichtbar machen.

Martina Menegon und Stefano D’Alessio suchen mit ihrer Installation TRANSLATION (2013) nach einer Möglichkeit, Raum so abzubilden, dass sich kleine Veränderungen in ihm besonders hervorheben. Das Bild der Umgebung wird über eine Kamera aufgenommen, eingescannt, als fortlaufende Pixelreihung gezeigt und unmittelbar in Ton übersetzt. Dieser aus den Pixeln generierte Ton wird über Lautsprecher zurück in den Raum gespielt. Die Geräusche im Raum – die aus dem Lautsprecher und alle anderen – werden über ein Mikrofon wieder gesammelt und in die Pixelreihung hineingezeichnet. So lässt die Feedbackschleife durch kontinuierlich neuen Ton- und Bildinput das Abbild von Realraum und virtuellem Raum in Echtzeit auseinanderdriften.

Die Videoarbeit Kairos (2010–2014) von Andreas Müller zeigt das Unterfangen, die Bewegung der Zeit eines Tages visuell festzuhalten. Dafür wird ein eigenes System verwendet, mit welchem man aus der klassisch-digitalen Zeitanzeige eine abstrakte Bewegungschoreographie ableiten kann. Vom Punkt 00:00 bis zum Punkt 23:59 wird jeder Sekundenschritt in ein kartesisches System übersetzt, in welchem er sodann einer bestimmten Bewegungsfolge einer abstrahierten Lichtsäule entspricht. Zu sehen ist der fast unheimliche Tanz dieser aus Lasern generierten Säule, die unbeirrt und mit hypnotischer Unermüdlichkeit über einen schwarzen Grund wandert.


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