Film

Thriller-Politik: Italien, Frankreich, die Siebzigerjahre


Das Jänner-Programm des Filmmuseums erinnert an ein Genre, das im italienischen und französischen Kino nach 1968 eine definierende Rolle spielte, seither aber weitgehend in Vergessenheit, zum Teil ­sogar regelrecht in Verruf geriet: den ­Polit-Thriller. Dessen italienische Meister – z. B. Damiano Damiani und Francesco Rosi – traten bereits in früheren Filmmuseum-Schauen auf, einem dritten, Elio Petri, galt eine eigene Retrospektive. Es war allerdings die Hommage an Dominik Graf im Frühjahr 2013, aus der sich dieses Projekt schließlich entwickelte: Grafs Begeisterung für die italienischen und französischen Spielarten des Genres machte Lust darauf, sich erneut (und grenzüberschreitend) mit „Thriller-Politik“ zu beschäftigen – und einem vierten Hauptvertreter, Gillo Pontecorvo, eine eigene Reihe zu widmen.

Bis in die 1980er waren Filme wie Das Attentat (Yves Boisset), Z (Costa-Gavras), Schlacht um Algier (Pontecorvo), Der Tag der Eule (Damiani), Die Macht und ihr Preis (Rosi), Ermittlungen gegen ­einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger (Petri) oder I wie ­Ikarus (Henri Verneuil) in weiten Cinephilenkreisen und beim großen Publikum äußerst beliebt. Ihre Mischung aus handwerklichem Können und Agitation galt als perfektes Beispiel dafür, was das Kino als populäre Kunstform leisten bzw. realpolitisch erreichen konnte. Es war ein Genre, mit dessen Figuren man sich gerne identifizierte: Man verstand all die strafversetzten Kommissare, die ­irgendwo in der Provinz allein gegen das organisierte Verbrechen kämpften; die Einzelgänger, die mehr oder weniger absichtlich in Wespennester der Korruption stachen; die verzweifelten Juristen, die sich in moralisch dicht vernebelten Grauzonen wiederfanden, wo Links und Rechts, Recht und Unrecht längst ihren Sinn verloren hatten – Sichtweite 0.

Zeitweise erschienen all diese Filme wie kaum verhohlene Be­­arbeitungen des politischen Tagesgeschehens: Staatsstreich-­Versuche und Geheimlogen, faschistische und linksradikale Anschläge, Entführungen und Exekutionen unliebsamer Politiker und Aktivisten auf offener Straße – darunter Giuseppe Fava, Autor der Vorlage zu Florestano Vancinis Gewalt: die fünfte Macht im Staat – sorgten ständig für Schlagzeilen. Der Terrorismus war in die Leben der Menschen eingezogen: Allein in Italien starben in den 60er und 70er Jahren mehrere hundert Menschen bei Bombenattentaten, während in einem ultraautoritär regierten Frankreich veritable Massaker zu offenen Geheimnissen wurden. Dabei war zwar stets klar, dass es nationalspezifische Agenden und Formen des Terrors gab, doch grenzübergreifende Allianzen gehörten zum Aktionsalltag – der linke wie der rechte Untergrund waren (und sind) weltweit ­bestens vernetzt.

In beiden Ländern tat der problematische Umgang mit der ­Geschichte ein Übriges: Faschismus wie Kollaboration wurden zu Unthemen stilisiert, Versuche einer kritischen Auseinandersetzung oft genug unterdrückt, nötigenfalls mit Staatsgewalt. Rechtsradikale Diskurse, begleitet von revanchistischem Gedankengut, konnten erschreckend schnell wieder Fuß fassen – und linksradikale Antworten darauf ließen nicht lange auf sich warten. Dazu kam das Wissen um die unheilvollen Verquickungen von Staat, Kapital und Unterwelt: In Italien war der Wiederaufbau des Landes und der Wirtschaft untrennbar verbunden mit einer Durchdringung des Gemeinwesens durch das organisierte Verbrechen, welches auch eine entscheidende (Schatten-)Rolle im antikommunistischen Kampf während des Kalten Krieges spielte.

Erste Beispiele für dieses populäre Kino der politischen Intervention finden sich in Italien schon früh – vor allem bei Luigi Zampa und Francesco Rosi in den 50er und beginnenden 60er Jahren. Es brauchte allerdings die gesamtgesellschaftliche Radikalisierung, die rapide sich zuspitzenden Widersprüche, um dem Genre die ­nötige Basis zu verschaffen – eine immer größere Wut über die ­immer ­offener zu Tage tretenden, immer neuen Lügen und Ungeheuerlichkeiten, die über den jeweiligen Staat bzw. die westliche Demokratie als solche ans Licht kamen. Der gewaltige Erfolg von Costa-Gavras’ True-Crime-Axiom Z (1969) sowie der ersten Verfilmungen des sizilianischen Autors Leonardo Sciascia (durch Petri und Damiani) zeigten, dass der Augenblick gekommen war.

Wie nahe diese Filme den Mächtigen rückten, wird nicht selten in ihren Produktions- und Verleihgeschichten deutlich – Yves Boisset z. B. gilt als der meist-zensurierte Regisseur der 5. Republik. Fast jedes seiner im Rahmen dieser Schau gezeigten Werke wurde von staatlichen Stellen beanstandet; L’Attentat (1972) musste zudem in der neutralen Schweiz gedreht werden, um sich dem direkten Zugriff französischer Stellen zu entziehen – Gewehrkugeln fand Boisset trotzdem in seiner Post. Um 1980 war scheinbar alles gesagt, was über die Macht und ihren Preis gesagt ­werden konnte: Die Verhältnisse waren hinreichend dargestellt, die Schuldigen benannt worden (meist à clef) – und nichts schien sich zu ändern. Der bewaffnete Kampf der Linken in Italien verlor seine anfangs bemerkenswerte, gemäßigt zustimmende Duldung durch weite Teile der Bevölkerung. Der Polizei traute niemand mehr, weder in Frankreich noch in Italien. In seiner Kafka’esken Art wirkte Henri Verneuils I…comme Icare wie ein Zenotaph. Der Polit-Thriller ging in den Untergrund.


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