Kunstausstellung · Fotografie Ausstellung

Thomas Baumann - The Big Why


Die Arbeiten von Thomas Baumann rekurrieren auf maschinelle Prozesse, die in der Ausführung zu einer De-Hierarchisierung materieller Bestandteile und deren Funktionen führen. Die Frage nach einer Divergenz zwischen einem industriellen bzw. postindustriellen Zeitalter sowie zwischen fordistischen und post-fordistischen Arbeitsmodellen begleitet den Reflektionsprozess des Künstlers, indem er die Veränderungen von traditionellen Vorstellungen von Zeit verbunden mit maschineller Produktion hinterfragt. Präzisionsverfahren, die seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert maschinelle Arbeitsprozesse definieren sollten, werden von Baumann in seinen Arbeiten dekonstruiert, so dass die einzelnen Objekte teilweise ihrer ursprünglichen Bedeutung entledigt oder ihnen neue Funktionen eingeschrieben werden. Als exemplarisch für die sich verändernden Erfahrungen mit Raum und Zeit des postindustriellen Subjekts dienen alte Industrieuhren aus Schulen, Büros oder Bahnhöfen, die unter „Untitled“ geführt werden. Quadratisch oder rund – Baumann hinterlässt lediglich die modernistische Formensprache des Gehäuses, aus dem das Laufwerk und Display entfernt sowie das Glas zerschlagen wird. Was wie ein Akt des Zerstörens aussieht, wird letztendlich mit äußerster Präzision durchgeführt, wodurch Baumann an die einstige Funktion des Objektes anknüpft. Das Zerschlagen und Brechen des Glases erfolgt unter größtmöglicher Kontrolle, um spezielle Bruchstellen zu erreichen, die von groben Scherben bis zu kleinen Einschuss- bzw. Durchschuss-ähnlichen Stellen reichen. Dadurch wird Zeit bzw. die Geschichte des letzten Jahrhunderts auch in diachroner Weise verarbeitet und die ihr inhärenten Brüche symbolisch verhandelt. Während im Fordismus eine standardisierte Massenproduktion von Konsumgütern mit Hilfe hoch spezialisierter, monofunktionaler Maschinen Vorrang hatte, sieht der Postfordismus eine Produktdifferenzierung sowie Effizienzsteigerung verbunden mit einer geringeren Anzahl von im Betrieb selbst hergestellten Bauteilen vor, was ein Ousourcing der Produktion zur Folge hat.

Die Veränderung eines genau definierten Arbeitsprozesses hin zu mehr Flexibilität und Individualisierung der Arbeitsorganisation im Postfordismus kommt in Baumanns Arbeit „The Big Why“ zu tragen. In dieser bezieht sich der Künstler auf die Mechanik eines Uhrwerks selbst, das als Installation einem überdimensionalen Metronom gleichkommt. Die Zeiteinheiten sind jedoch nicht genormt und hängen lediglich von der Schwerkraft des Seiles ab, wodurch sich jene De-Hierarchisierung von Zeit als arbeitsbedingtes Maß post-industrieller bzw. post-fordistischer Gesellschaftsformen einstellt.


Der nicht immer erreichbare hohe Präzisionsgrad lässt sich auch in den „Plotter Bildern“ wiederfinden. Hierbei handelt es sich um mit Airbrush, also Luftpinsel, maschinell aufgetragene Farbstreifen und Flächen auf Leinwand, bei denen aufgrund des nicht genau vorhersehbaren Farbauftrages Schlieren und Farbausbrüche entstehen. Baumann entledigt sich der malerischen Geste als physische Handschrift und definiert diese ebenso über die maschinelle Apparatur. Die leichten Ungenauigkeiten des Farbauftrages in der hier eingesetzten Technik verweisen wiederum auf den menschlichen Eingriff und die nicht immer exakt kalkulierbaren Arbeitsprozesse.

Die malerische Komponente und industriebedingte Farbkontrolle setzt Baumann als Zeit- und Licht-gesteuerter Mechanismus im Objekt „Lightcarpet“ fort. Im Vergleich zum statischen Farbauftrag auf die Leinwand wird Farbe hier in Bewegung gesetzt, indem bei einer im Raum schwebenden Säule aus Neonröhren der Farbverlauf bzw. -wechsel maschinell gesteuert und dadurch der Präzisionsgrad des Vorgangs wiederum gesteigert wird. Durch die Gegenüberstellung unterschiedlicher Zeit- und Maschinen-basierender Arbeiten thematisiert Baumann in konzeptueller Weise die Überlappungen und Veränderungen post-industrieller Gesellschaftsformationen, in denen durch „Outsmarting“ Vereinfachungen von Arbeitswelten ermöglicht werden, sich jedoch andererseits neue Problemfelder auftun.


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