Theater

Thérèse Raquin


Zolas berühmter und bahnbrechender Roman von 1867 über die "menschlichen Bestien", oft verfilmt und bearbeitet, ist bei uns in einer genauso spannenden wie aktuellen Bühnenfassung von Paris Kosmidis zu sehen, nicht nur als Kriminalstück, sondern ebenso als verzweifelter weiblicher Ausbruchsversuch aus der Fremdbestimmtheit durch die Männergesellschaft.

Thérèse lebt mit ihrem Mann und ihrer Schwiegernutter in einer leidenschaftslosen und langweiligen bürgerlichen Ehe. Aus ihrem banalen Alltag versucht sie durch ein leidenschaftliches und exzessives Verhältnis mit Laurent, dem besten Freund ihres Mannes auszubrechen. Schließlich schmieden sie den Plan, den bornierten Camille zu töten, um ihre Beziehung endlich offen ausleben zu können.

Bei einem Sonntagsausflug auf der Seine ertränken sie Camille und deklarieren den Mord als Unfall. Weder die Polizei noch die Familie hegt den geringsten Verdacht, nach einem Jahr heiraten Thérèse und Laurent. Doch seit dem Mord läuft die Beziehung ganz anders als erwartet, es folgt ein stufenweiser Abstieg in die Hölle...

Von Paris Kosmidis nach dem Roman von Èmile Zola

Inszenierung: Babett Arens.

Kritik
Die Geschichte ist mindestens so alt, wie die Erfindung der Ehe: eine unglücklich Verheiratete sucht in den Armen eines anderen die große Erfüllung und bringt ihren Geliebten schließlich auf die Idee, durch einen Mord am Ehemann das letzte Hindernis für eine angeblich glückliche Zukunft bei Seite zu schaffen. Doch die Hoffnungen werden bitter enttäuscht: es geht einfach immer schlecht aus – ganz egal, ob die Story nun im 20. Jahrhundert von James Hadley Chase unter dem Titel „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, oder ein Jahrhundert zuvor durch Émile Zola in seinem dritten Roman „Thérèse Raquin“ erzählt wurde.
Nach diesem Text, der laut Zola das „dumpfe Sichauswirken der Leidenschaften“ beim Tierwesen Mensch illustiert, ist nun Babett Arens an der Wiener Scala - unter Zugrundelegung der bühnenwiksame Fassung von Paris Kosmidis - eine packende Inszenierung gelungen. In der Titelrolle erscheint Johanna Elisabeth Rehm bei ihrer zweiten Zusammenarbeit mit dem ‚Theater zum Fürchten‘ als wahre Natugewalt. Ihre Wandlung von der wortkargen unglücklichen grauen Maus in die hemmungslos Verliebte und schließlich in ein von Schuldgefühlen gepeinigtes Nervenbündel macht ihr so schnell sicher niemand nach. Dabei ist ihr voller Körpereinsatz gefragt, der sich nicht etwa nur auf die Momente der höchsten Intimität mit dem virilen Lauren (Christian Kainradl) beschränkt. Manchmal artet das zu wahrer Bühnenakrobatik aus: sobald die beiden Liebenden einandner erstmals in die Arme fallen, stellen sie fast die Gesetze der Schwerkraft oder zumindest sich selber auf den Kopf.
Auch das künftige Mordopfer kann sich sehen lassen: Florian Lebek spielt den kindlich und kindisch gebliebenen Camille in einer beeindruckenden Mischung aus Sadismus und Lethargie, während er im zweiten Teil zum unheimlichen Wiedergänger wird. Sylvia Eisenberger als seine Bühnenmutter Mutter hingegen wird von einer vitalen Frau zur hilflosen Gelähmten.
Für komische Unterbrechungen in der unerbittlichen Entwicklung zum tragischen Finale sorgen Florentin Groll und Hermann J. Kogler. Ersterer unterhält z.B. als alte Inspektor die Tischgesellschaft mit grausigen Mordgeschichten aus seiner eignen Erfahrung, ohne zu ahnen, dass sich bald direkt vor seiner Nase ein weiteres Verbrechen abspielen wird.
Musikalische Untermahlung findet die Handlung durch ein 1-Mann-Orchester (abwechselnd Fritz Rainer oder Daniel Klemmer): die Percussion baut perfekt Spannung auf oder illustriert Geschehnisse, die im Bühnendunkel bleiben. Kurz: dieser Theaterabend verdient ins volle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit getaucht zu werden.
(Franco Schedl)


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