Theater

The Lyons


The Lyons
Komödie von Nicky Silver

„Was ist der Unterschied zwischen einem Pit Bull Terrier und einer jüdischen Mama? Der Pit Bull lässt irgendwann einmal los!“ Der Amerikaner Nicky Silver, dessen Erfolgsstück „Fette Männer im Rock“ bei uns bereits zu sehen war, ist zurück mit einer bösen Komödie über Lebenslügen und Existenzängsten, Coming Out und Selbstbehauptung in einer typischen dysfunktionalen jüdischen Mittelklassefamilie.

Ben Lyons liegt im Sterben, den Krebs wird er nicht mehr besiegen. Nun ist seine Familie noch einmal zusammen gekommen, um dem Patriarchen Adieu zu sagen. Aber von schmerzvollem Abschied kann keine Rede sein. Die dominante Mutter Rita freut sich schon darauf, die alten Möbel aus dem Haus zu werfen und es neu zu dekorieren. Der erfolglose Sohn Curtis ist homosexuell und sein Verhältnis zum Vater ist sowieso schon lange gestört. Die Tochter Lisa trinkt zu viel und laboriert noch immer an ihrer gescheiterten Ehe. Aber so leicht wird es Ben Lyon sich und den anderen nicht machen: Bevor er geht, müssen noch die alten Kämpfe zu Ende gebracht werden.

KRITIK

Sowas nennt man dann wohl ‚dumm gelaufen‘: da erfährt jemand per Handy vom Tod des Vaters und wird wenige Minuten später obendrein brutal zusammengeschlagen (und zwar ausgerechnet von einer seit Monaten aus der Ferne angehimmelten Person). Soll man das nun witzig finden oder darüber schockiert sein? Am besten beides, denn an einer solchen Reaktion hätte der Autor Nicky Silver bestimmt seine helle Freude. Jüdischer Humor kann eine feine Sache sein, die das Tragische und Komische unauflösbar durcheinandermixt. Dafür braucht man nur an Woody Allen zu denken. Silver ist so ähnlich, allerdings oft wesentlich bitterer und bissiger als der Filmemacher.
Mit „The Lyons“ gibt der erfahrene Regisseur Hermann Molzer seinen Einstand an der Wiener Scala und hat sich dafür ein sehr junges Stück ausgesucht, denn es erlebte erst 2012 die Uraufführung am Broadway. Der Titel lässt an Löwen denken, bloß haben wir es hier höchstens mit menschlichen Raubtieren zu tun, die einander ziemlich zusetzen – und zwar meistens verbal.
Die Mitglieder einer amerikanisch-jüdischen Mittelstandsfamilie haben sich am Krankenbett des an Krebs sterbenden Vaters versammelt und bleiben einander in Sachen schonungsloser bzw. untergriffiger Ehrlichkeit nichts schuldig. Sieht es zunächst so aus, als wäre das Familienoberhaupt auch die Hauptperson, verschiebt sich das Interesse des Autors in der zweiten Hälfte auf den homosexuellen Sohn – überdeutlich Nicky Silvers Alter Ego. Wenn sich ein Schriftsteller so sehr mit einer Figur identifiziert und nicht mehr von ihr loskommt, birgt das auch die große Gefahr, dass die Ausgewogenheit verloren geht.
Das Stück ist daher nicht rundum gelungen (was vermutlich auch mit der Übersetzung zusammenhängt – im amerikanischen Original erzeugt der permanente Redefluss bestimmt einen besseren Sound), aber das machen uns die großartigen Schauspieler die meiste Zeit über vergessen. Clemens Aap Lindenberg spielt einen vom Leben enttäuschten alten Choleriker, der sich im Angesicht des Todes kein Blatt mehr vor den Mund nimmt und mit Kraftausdrücken nicht spart. Als besondere Überraschung kommt die Figur sogar nach ihrem Ableben einmal kurz im Zuschauerraum vorbei und erzählt uns ein bisschen darüber, wie es denn so im Jenseits zugeht.
Seine Ehefrau wird von Sylvia Eisenberger mit wahrer Hingabe mal gefühlskalt mal emphatisch verkörpert: sie erscheint einerseits als Rabenmutter, die es liebt, in ihre Sätze bissige und verletzende Bemerkungen einzustreuen, dann wieder als fragile Person, der die Anforderungen in dieser Familie über den Kopf zu wachsen drohen. Zuletzt wagt sie einen radikalen Ausbruchsversuch. Martina Dähne hat als verschüchterte Tochter mit Alkoholproblemen und dem Hang zu brutalen Männern große Momente und schafft es, diesen komplexen Charakter anschaulich werden zu lassen; eine Aufgabe, die auch Randolf Destaller als Sohn bravourös meistert.
Die Bühne hat Marcus Ganser mit großzügiger weißer Verschalung ausgestattet, auf der - als platzsparende Lösung - Regale oder Fensterrahmen skizzenhaft angedeutet wurden. Für zusätzlichen Nervenkitzel sorgte im ersten Akt dann auch noch ein kaputter Stuhl: man fragte sich unwillkürlich die ganze Zeit, wann wohl jemand, der gerade darauf Platz genommen hatte, unfreiwillig einen Salto rückwärts machen würde. Was zum Glück nicht passiert ist, da die Handlung ohnehin dramatisch genug war.

franco schedl

Inszenierung: Hermann Molzer
Raum: Marcus Ganser, Bruno Max
Musikalische Leitung: Fritz Rainer
Kostüm: Alexandra Fitzinger

Es spielen:
Angelika Auer, Martina Dähne, Sylvia Eisenberger, Randolf Destaller, Clemens Aap Lindenberg, Eric Lingens.


Termine

Es sind uns leider keine aktuellen Termine bekannt.