Kunstausstellung

Text:Bild / Bild:Text I – Transformation


Der Ausdrucksapparat des Menschen ist vielseitig. Eines seiner ursprünglichsten Artikulationsmittel – der Körper – wurde stetig durch immer abstrakter werdende Zeichensysteme ergänzt und in manchen Bereichen sogar durch diese ersetzt.

Neben Bildern war und ist die Sprache, verbunden mit ihrer grafischen Form, eine der Hauptstrukturen der Kommunikation, Vermittlung und Darstellung. Daher ist die semiotische Untersuchung der spannungsvollen Wechselbeziehungen dieser beiden spezifischen Kodierungen ein wiederholt auftretendes Feld in der Kunst. Diese setzt sich mit dem gesellschaftlichen Umfeld, dessen Besonderheiten und ihrer eigenen Positionierung innerhalb dieser auseinander. Verbunden mit der Hinterfragung der medialen Spezifika in diesem Konnex, müssen die künstlerischen Arbeiten immer wieder erneut ausgelotet werden.

Die FOTOGALERIE WIEN präsentiert in ihrem diesjährigen Schwerpunkt Text:Bild / Bild:Text künstlerische Arbeiten, die sich jenen komplexen Wechselbeziehungen und deren Bedingungen zuwenden, wobei durch das kuratorische Kollektiv in dieser dreiteiligen Ausstellungsserie das Hauptaugenmerk auf die Unterthemen Transformation, Symbiose und Inspiration gelegt wird.

Den Auftakt der Ausstellungstriologie Text:Bild / Bild:Text bildet die radikalste Umsetzung der Thematik: die Transformation. Die Transmedialität des klassischen Bildformates mit Schriftelementen bzw. der Sprache als solche ist ein immer wieder auftretendes Moment innerhalb der künstlerischen Auseinandersetzung. Die stärker werdende Reduktion auf das rein grafische Element der Buchstaben führt dabei zur Lingualisierung des Werkes. Durch diese Implementierung der visuellen Sprachfragmente in das Bild erfolgt ein Eindringen des Alltäglichen in die Kunst und ermöglicht eine Evokation bei den Betrachtenden, die durch solche vertrauten Strukturen auf sich selbst zurückverwiesen werden. Hierin liegt ein Moment der differenten Wahrnehmungs- und Rezeptionsebenen des Lesens, Sehens und somit auch der aktiven und passiven Rollenverteilung. In Verbindung mit dem Medium der Fotografie rückt vor allem die Wirklichkeitswahrnehmung in den Fokus, da gerade im digitalen Zeitalter die Verlinkung des Abbildes mit seinem Abgebildeten vermehrt verloren geht oder bewusst aufgelöst wird. Die De-, Re- und Konstruktion der gesellschaftlichen und individuellen Wirklichkeit rücken in den Mittelpunkt der bildnerischen Konzeption, sei es in formal-ästhetischer, medialer, semiotischer oder sozialkritischer Auseinandersetzung.

Jochen Höllers Arbeiten Gespräche zwischen Russell, Wittgenstein, Whitehead, Gödl, Cantor, Frege, einem Professor, einem Patient, Odysseus, Superman und Wonder-Woman (2013), Odyssee (2013) und Logic Comics – An Epic Search Of Truth/Bertrand Russell (2012) stehen exemplarisch für seine Arbeitsweise, die sich aus der Dekonstruktion und der Rekombination von Informationen zusammensetzt. Einzelelemente werden aus dem Zusammenhang herausgelöst, während der Kontext in den Hintergrund tritt, ohne dabei zu verschwinden, und bewirken durch eine Umordnung neue Denkanstöße. Die Fragmente aus Büchern oder Bildbänden erfahren durch ihre ornamentale Anordnung eine Verdichtung, die ihre Materialitätsverwandschaft hervorhebt und in ihrer Positionierung die kollektiven Gewohnheiten von Informationstransfers in Frage stellt.

Der Traum als utopischer Ort, imaginäres surreales Erlebnis, Verarbeitung von Alltagserfahrungen, des Unbewussten und dessen Deutung steht in Margret Kreidls literarischer Arbeit im Vordergrund. Durch die Fixierung in gedruckter Schrift macht Kreidl diese Formen visuell fassbar. Die Traumtücher, die in Zusammenarbeit mit dem Künstlerkollektiv Rhizom aus Graz entstanden sind, tragen die Gedanken vom Privat- in den Außenraum. Diese werden im Rahmen der Ausstellung an der Innen- und Außenfassade des WUKs präsentiert. In ihrem Kompendium der Träume Einfache Erklärung. Alphabet der Träume werden die Traumfragmente in Form von Prosastücken, Dialogen und Gedichten mit Interpretationsansätzen ergänzt. Im Kino der FOTOGALERIE WIEN werden daraus Auszüge als Hörlesung (Off-Stimme der Autorin) vorgestellt.

In der Arbeit Russian Night (2009) von Falk Messerschmidt erfolgt eine Schwerpunktverlagerung vom Bild auf die beschreibenden Untertitel. Durch seine nebelartige Konstitution referiert es zwar auf seine ursprünglichen Träger, die ohne Durchlicht gescannten Diaaufnahmen, aber die Repräsentation des Inhaltes wird einem differenten Zeichensystem übergeben. Die Bilder der Stadt Leningrad, die als solche nicht mehr existent ist, wurden geschwärzt und verbannt. Durch das bewusst fälschlich genutzte Reproduktionsverfahren wurde der Bildinhalt vereinheitlicht und verweist auf ein Unvermögen der Fotografie, Geschichtlich- und Zeitlichkeit in seiner Gänze festzuhalten. Indem die Beschriftungen die Rezipienten anregen, die inhaltiche Leerstelle durch subjektiv imaginäre Ergänzung aufzuladen, bezieht sich der Künstler auf das Medium selbst zurück.

Seit 2001 liegt Julie Monacos Schwerpunkt auf einer Untersuchung der Bildgenerierung innerhalb digitaler Softwaresysteme und deren Umsetzung in analoge Formen. Sie schließt damit an ihre vorherige Beschäftigung mit Zahl-, Zeitsystemen und Codierungen an. Im Zentrum der Arbeiten CS02/4 S/W und CS01/1 B2 S/W steht die Transformierung von computerspezifischer Sprache, die mit Hilfe fraktaler Algorithmen und Rendering in visuell fassbare Landschaftsoberflächen umgewandelt wird. Die so geschaffene, dramatisch inszenierte Hyperrealität referiert auf die Immaterialität der Bildinformation und auf die unendlichen Variationsmöglichkeiten einer aus binären Codes geschaffenen Welt.

Ulrich Nausner beschäftigt sich in seinen „Hypertext-Zeichnungen“ mit dem Format digitaler Textinformation. In den Arbeiten der Serien Untitled (definition) von 2013 und Untitled (selection) von 2014 wählt der Künstler jeweils einen Begriff mit verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten und kontextabhängiger Bedeutung aus. Die Resultate der Internetrecherche werden gesammelt, von spezifischen Webelementen gereinigt und auf die Schriftgröße von 1 pt verkleinert. Die vorgefundene Formatierung verändert sich und drängt den Text zu einzelnen Zeilen zusammen. Die so komprimierte Informationsmenge wird anschließend durch einen Pigment-Print in eine analoge Form übertragen. Die Minimierung verdichtet die Buchstaben zu einer unlesbaren grafischen Menge, die die inhaltliche Erfassung unmöglich macht und durch reine Zeichenhaftigkeit ersetzt wird.

Öffnungszeiten:
Di u. Fr 14-19 Uhr, Mi u. Do 12-19 Uhr, Sa 10-14 Uhr
An Feiertagen ist die Galerie geschlossen.


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