Kunstausstellung · Fotografie Ausstellung

Tetsugo Hyakutake - Postwar Conditions


Die Ausstellung des 1975 geborenen japanischen Künstlers Tetsugo Hyakutake führt in zweifacher Weise in die Geschichte. Einerseits beschäftigt sich Hyakutake direkt mit der japanischen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg und wie diese bis heute auf die Identitätsbildung des Landes einwirkt, das seit vielen Jahrzehnten unter dem Einfluss des Westens, insbesondere der USA steht.

Bei dieser Auseinandersetzung interessiert sich der Künstler für Kolonisierung, Krieg und andere relevante historische Ereignisse – Themen, die gegenwärtige Fragen nach Identität in der japanischen Kultur, das Verhältnis zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart sowie die Brüche zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis thematisieren. Der Künstler stellt seinen eigenen Fotografien Archivmaterial gegenüber und verhandelt verschiedene Ebenen von Zeitlichkeit innerhalb des fotografischen Dispositivs. Er bearbeitet Fotografien häufig mit Chlor, um sie wie historische Dokumente erscheinen zu lassen und provoziert derart einen ontologischen Sprung zwischen verschiedenen Realitäten – immer vor dem Hintergrund der Frage, wie japanische Identität und japanisches Denken hergestellt wurden.

Andererseits führt das Projekt in die Geschichte von Camera Austria: Bereits 1975 wurde – noch in der Galerie im Schillerhof, kuratiert von Manfred Willmann – eine Einzelausstellung mit Arbeiten von Masaaki Nakagawa gezeigt, im selben Jahr Arbeiten von Seiichi Furuya, über dessen Vermittlung und Kenntnis weitere wichtige Ausstellungen japanischer Fotografie in Graz realisiert wurden, so u. a. von Toshimi Kamiya (1978), Daidoh Moriyama (1980), Hitoshi Fugo (1982), Shomei Tomatsu (1984) und Nobuyoshi Araki (1992). Schließlich wurde der damalige neue Ausstellungsraum im Eisernen Haus mit einer Ausstellung japanischer Fotografie eröffnet. An diese Momente eines sehr spezifischen interkulturellen Austauschs über durchaus gegensätzliche visuelle Kulturen möchte die von Walter Seidl kuratierte Ausstellung anschließen und gleichzeitig den Austausch auf eine politische Ebene überführen.

Indem sich Hyakutake auf Japan als eine Art Imperium bezieht, das nach dem Vorbild westlicher Wirtschaft und Kultur aufgebaut wurde, kennzeichnet er dieses zugleich als ein hyperreales Konstrukt, das einerseits den Aufstieg Japans zu einer wirtschaftlichen Weltmacht ermöglichte, andererseits aber auch von Exzessen an Identifikationen und Umarbeitungen von Identitäten gekennzeichnet war und ist. Hyakutake interessiert sich für die verschiedenartigen Wahrnehmungen des japanischen Subjekts im Inneren wie im Äußeren, die es irgendwo zwischen einer in sich geschlossenen Einheit und einem kulturell wie ökonomisch durch die USA geprägten Wesen verorten. Darüber hinaus beschäftigt sich seine Arbeit mit der Industrie und Infrastruktur der gegenwärtigen Gesellschaft, um sich so der jüngeren japanischen Geschichte und Kultur zu nähern. Seine Bilder vermitteln eine konfliktgeladene Beziehung zu historisch wichtigen Orten, sind visuell vielschichtig und bezeugen eine Unsicherheit bezüglich ihrer eigenen repräsentativen Strukturen. So gewinnt Hyakutakes fotografisches Schaffen eine ephemere und flüchtige Qualität, die Fragen nach der Repräsentation ihrer Subjekte aufwirft. Zwischen Dokument und Fiktion situiert, zeigen seine Bilder Monumente, die Teil der japanischen Geschichte sind, gleichzeitig aber in einem Licht erscheinen, das Geschichte in eine konfliktgeladenen Beziehung zu Erfahrungen von Individuen bringt.

In einer Gegenwart, in der »der Westen« erneut und möglicherweise intensiver denn je mit Fragen nach eigenen Identitäten und jenen der »Anderen« konfrontiert ist, oder mit der Frage, was uns zu Mitgliedern der Gesellschaft macht, wie es Boris Buden audrückt: »Ist es soziale Gerechtigkeit oder kulturelle Identität, Gott oder Privateigentum, ›unsere Werte‹ oder ›ihre Bedrohlichkeit‹«. In dieser Gegenwart konfrontiert uns die Arbeit von Hyakutake mit den identitätspolitischen Konsequenzen der vielen Interventionen und Präsenzen dieses »Westens« in anderen Regionen der Welt. Möglicherweise drehen sich also seine Projekte nicht nur um Fragen der japanischen Identität und ihrer Umformung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, vielleicht konfrontiert er uns auch ein Stück weit mit »unseren« Anteilen an dieser Identitätsproduktion.

Sein Arbeiten versteht Hyakutake als Beitrag zur Geschichte eines Landes, das von der gleichen Macht zum Erliegen gebracht wurde, von der es einst geformt wurde. Dafür wählt er unter anderem auch Bilder aus Archiven, deren Bedeutung mit dem Beginn des Aufstiegs des Landes zur Wirtschaftsmacht verblasst ist, und versucht die Tatsache zu überwinden, dass Versagen in der japanischen Kultur und im japanischen Denken ein nicht-existierendes Phänomen darstellt. Am Ende bleibt zu fragen, wie sich die Verdrängung dieses Versagens zu unserem eigenen Versagen verhält, die Welt mit anderen Augen zu sehen und als von anderen Identitäten bevölkert anzusehen als unseren eigenen.

Tetsugo Hyakutake wurde 1975 in Japan geboren. Er graduierte an der University of the Arts in Philadelphia (US) und erhielt 2009 den Master of Fine Arts von der University of Pennsylvania, Philadelphia. Es folgten Ausstellungen in Tokio (JP), Philadelphia, New York (US), Madrid (ES), Singapur (SG) und Taipeh (TW). Seine Werke finden sich in den Sammlungen verschiedener Unternehmen und öffentlicher Einrichtungen, dazu zählen BlackRock (Philadelphia), Fidelity Investments (Boston, US), die Library of Congress (Washington, US) und das Carnegie Museum of Art (Pittsburgh, US). Nach einem Künstleraufenthalt am ISCP in New York in den Jahren 2016 und 2017 lebt Hyakutake wieder in Japan.


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