Theater

Tea & Sympathy


"Tea & Sympathy“ – Ein letzter High Tea mit britischen Exzentrikern.

Bevor das Königreich seine Verbindungen nach Europa kappt und in die Brexit-See der Splendid Isolation hinaus segelt, wollen wir uns in unserer diesjährigen Dinner-Produktion literarisch und musikalisch dem Lieblingsgetränk der Briten und ihrem fabelhaften, kleinen Großbritannien zuwenden. Kein anderes Volk, außer die Japaner, machen so viel Aufsehen um ein wässriges Heißgetränk – und während eine schiefgegangene Teezeremonie in Japan konsequent zum Harakiri führt, schaffen die Engländer es, auch in solchen Situationen die traditionell steife Lippe zu bewahren, wie die zahlreichen Exzentriker und Exzentrikerinnen, Dandys und Blaustrümpfe, die uns an diesem Abend begegnen werden (von Oscar Wilde bis Dame Edith Sitwell, von Monty Python bis zu Her Majesty Queen Victoria persönlich) und ausführlich belegen werden. Bleibt nur die Frage: „Was dazu? Butterkeks oder Gurkenbrötchen?“
Wir ersuchen, das Silberbesteck nicht einzustecken. Der Butler zählt nach und ist befugt, am Ausgang Taschenkontrollen vorzunehmen.

Buch & Inszenierung: Bruno Max

KRITIK

Einen flüssigeren Saisonbeginn hat es an der Wiener Scala bisher nicht gegeben. Noch dazu einen so traditionsbewusst britischen. Nach Betreten des Theatersaales befinden wir uns eigentlich in einem Teesalon, werden von Kellnerinnen und Kellnern in Empfang genommen und zu unseren Plätzen geleitet. Zum Glück hat man uns die Gewissensfrage „Earl Grey oder Darjeeling?“ bereits abgenommen, da wir auf dem reich gedeckten Tisch eine Kanne mit fertig aufgebrühtem Tee vorfinden. Außerdem erwarten uns dort ein Gläschen Prosecco, ein Kännchen Milch, ein Schälchen Kluntjes als Süßungsmittel und ein mehrstöckiges Servier-Gestell, dessen Basis pikante Sandwiches bilden, während die höheren Etagen mit Konfekt, Scones, Sauerrahm und Marmelade bestückt wurden (nur auf Tea-Bone-Steaks müssen wir leider verzichten). Das Essen und Trinken kann also sofort beginnen und nebenbei sollten wir uns auch noch auf das bunte Treiben im Saal konzentrieren, an dem neun DastellerInnen und der Klavierspieler Frizz Fischer beteiligt sind.
Während im Mund die Geschmacksnerven beansprucht werden, entfaltet sich vor unseren Augen und Ohren ein reiches Panorama englischen Geistes, britischer Spleenigkeit und angelsächsischer Lebensart. Diese Vielfalt wird durch Texte und Lieder der unterschiedlichsten Herkunft garantiert. Freundlicherweise werden auf digitalen Bild-Flächen an den Wänden fast immer Fotos oder Porträts der betreffenden Verfasser eingeblendet, sodass wir uns auch ohne Blick in den Programmfolder auskennen. Das erste dieser Bilder zeigt Edith Sitwell, und eine entsprechend zurechtgemachte Lotte Loebenstein gibt auf der Bühne Bonmots der scharfzüngigen Dame von sich, falls ihr Mund nicht gerade mit Tee gefüllt ist. Später wird uns die Darstellerin als Queen Victoria begegnen und - wie alle ihre KollegInnen - noch in etliche weitere Rollen schlüpfen.
Eine Parade der Exzentriker defiliert an uns vorbei; im Wunderland wird die kleine Alice vom Verrückten Hutmacher zu einer seltsamen Teestunde gebeten und nachher will sie ihr Schöpfer, der stotternde und ziemlich pädophile Lewis Carroll, abfotografieren; Victoria muss sich vom Kammerdiener darüber belehren lassen, wie wenig in ihrem Reich eigentlich „Made in Britain“ ist; wir erhalten einen mit Musik garnierten Nachhilfeunterricht in der Chronologie aller bisherigen (und künftigen!) britischen Oberhäupter; die vier gekrönten Georges treten ebenfalls in Erscheinung und bieten uns singend ihre Kurzbiografien (wer von uns hätte zum Beispiel gewusst, dass der erste George nach übermäßigem Obstgenuss auf dem Abort verstarb?); Oscar Wilde ist ein gern gesehener Gast; mehrfach werden Sketches von den Monty Pythons eingeschoben, aber auch Loriots bekannte Fernsehansagerin verschafft sich Gehör und wird durch die Inhaltsangabe einer englischen Serie in den Sprachwahnsinn getrieben. Gegen Ende nähern wir uns immer mehr der Brexit-Realität an, und bei dieser Gelegenheit lässt es sich Hausherr und Regisseur Bruno Max nicht nehmen, persönlich ein Fundstück aus dem Internet über die eingeschränkte Weltsicht mancher Briten vorzutragen. Vier Jahrhunderte zurück führt uns hingegen ein Tagebucheintrag des Samuel Pepys, in dem wir erfahren, wann der Tee überhaupt den Weg nach England gefunden hat; und wissenswerte Verlautbarungen des ‚British Institute for Tea and Infusions‘ sorgen dafür, dass wir in Zukunft bei der Teezubereitung auch wirklich alles richtigmachen.
Dieser Abend wird nicht nur in Tee-Blättern begeisterte Kritiken hervorrufen, sondern ist auch für Kaffeeschwestern und Schnapsbrüder bestens geeignet.
Nach knapp 100 Minuten müssen wir den Salon wieder verlassen, was einerseits bedauerlich ist, andererseits aber auch sein Gutes hat, da übermäßiger Teegenuss den Harndrang erfahrungsgemäß ziemlich steigert. Das würde uns auch die Queen bestätigen.

franco schedl


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