Theater

Tanzgespräch mit William Forsythe


William Forsythe zählt zu den richtungsweisenden Ballettchoreografen weltweit.

Wissen über Tanz erhöht den Tanzgenuss. Der Performer Niki Meixner und die Theaterwissenschafterin Ingrid Türk-Chlapek stellen in drei Tanzgesprächen Persönlichkeiten vor, die den zeitgenössischen Tanz entscheidend prägten. Anhand von Werkausschnitten und historischen Hintergründen diskutieren sie mit dem Publikum stilbildende Werke von Wayne McGregor, William Forsythe und Sasha Waltz.

William Forsythe (* 1949) zählt zu den richtungsweisenden Ballettchoreografen weltweit. Ausgebildet als (neo)klassischer und moderner Tänzer führte der US-Amerikaner das Ballett in die Postmoderne. Er dekonstruierte Bewegungen, ließ die Tänzerinnen aus der Vertikalen kippen und integrierte Improvisiertes. Seine rasante-virtuose Ballettsprache kommt tief aus der Körpermitte und erinnert an wegtauchende Delphine. Seine abstrakten, frühen Arbeiten haben einen zentralen Platz in allen wichtigen Ballettkompanien der Welt. „The Second Detail“ tanzt derzeit das Wiener Staatsballett.

Forsythe wuchs in New York auf und begann seine Ausbildung bei Nolan Dingman und Christa Long in Florida. Er tanzte mit dem Joffrey Ballet und später mit dem Stuttgarter Ballett, dessen Hauschoreograf er 1976 wurde. In den folgenden sieben Jahren schuf er neue Werke für das Stuttgarter Ensemble und Ballett-Kompanien in München, Den Haag, London, Basel, Berlin, Frankfurt am Main, Paris, New York und San Francisco. 1984 begann seine 20-jährige Tätigkeit als Direktor des Ballett Frankfurt, mit dem er Arbeiten wie «Artifact» (1984), «Impressing the Czar» (1988), «Limb’s Theorem» (1990), «The Loss of Small Detail» (1991, in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Thom Willems und dem Designer Issey Miyake), «A L I E / N A(C)TION» (1992), «Eidos:Telos» (1995), «Endless House» (1999), «Kammer/Kammer» (2000) und «Decreation (2003)» schuf.

Nach der Auflösung des Ballett Frankfurt im Jahr 2004 formierte Forsythe ein neues, unabhängiges Ensemble. Mit Unterstützung der Länder Sachsen und Hessen, der Städte Dresden und Frankfurt am Main sowie privater Sponsoren wurde The Forsythe Company gGmbH gegründet. Die Kompanie hat ihre festen Spielstätten in Dresden und Frankfurt am Main und gibt darüber hinaus internationale Gastspiele. Mit dem neuen Ensembles entstanden u.a. die Werke «Three Atmospheric Studies» (2005), «You made me a monster» (2005), «Human Writes» (2005), «Heterotopia» (2006), «The Defenders» (2007), «Yes we can’t» (2008/2010), «I don’t believe in outer space» (2008), »The Returns« (2009) and »Sider« (2011) . Forsythes jüngste Werke werden ausschließlich von dieser neuen Kompanie entwickelt und aufgeführt, während seine früheren Arbeiten einen zentralen Platz im Repertoire praktisch aller wichtigen Ballettensembles der Welt einnehmen, wie beispielsweise Kirov (Mariinsky) Ballett, New York City Ballet, San Francisco Ballet, National Ballet of Canada, Royal Ballet Covent Garden und Ballet de l’Opéra de Paris.

Forsythe und sein Ensemble haben u.a. folgende Auszeichnungen erhalten: den New Yorker Tanz- und Performance «Bessie» Award (1988, 1998, 2004, 2007) sowie den Laurence Olivier Award der Stadt London (1992, 1999, 2009). In 1999 wurde Forsythe von der französische Regierung zum Chevalier des Arts et Lettres ernannt. Darüber hinaus wurden ihm das Bundesverdienstkreuz (1997), der Wexner Prize (2002), der Goldene Löwe (2010) und der Samuel H Scripps / American Dance Festival Award for Lifetime Achievement (2012) verliehen.

Forsythe hat Architektur / Performance-Installationen als Auftragswerke für den Architekten/Künstler Daniel Libeskind in Deutschland, ARTANGEL in London, Creative Time in New York und für die Stadt Paris entwickelt. Seine Installationen und Film-Arbeiten werden in zahlreichen Museen und Ausstellungen gezeigt, u.a. auf der Whitney-Biennale in New York, der Biennale von Venedig, im Louvre und auf der 21_21 Design Sight in Tokio. Seine Performance-, Film- und Installations-Arbeiten sind bereits von der Pinakothek der Moderne in München, dem Wexner Center for the Arts in Columbus, der Biennale von Venedig und der Hayward Gallery in London präsentiert worden.

In Zusammenarbeit mit Medien-Spezialisten und Pädagogen entwickelt Forsythe neue, innovative Ansätze der Tanz-Dokumentation, -Forschung und -Lehre. Seine CD-ROM «Improvisation Technologies: A Tool for the Analytical Dance Eye», die 1994 in Zusammenarbeit mit dem ZKM / Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe entwickelt wurde, wird weltweit in professionellen Kompanien, Tanzhochschulen, Universitäten, der Postgraduierten-Ausbildung von Architekten und in Schulen eingesetzt. In 2009 wurde «Synchronous Objects for One Flat Thing, reproduced» vorgestellt, eine digitale, webbasierte Partitur, die zusammen mit der Ohio State University entwickelt wurde. Sie zeigt die Organisationsprinzipien der Choreografie und führt vor, wie sie auch im Rahmen anderer Disziplinen verwendet werden können. «Synchronous Objects» stellt das Pilotprojekt im Rahmen von Forsythes „Motion Bank“ dar, einer Forschungsplattform zur Erstellung und Erforschung digitaler Tanzpartituren in Zusammenarbeit mit Gastchoreograf/innen.

Forsythe wird regelmäßig eingeladen, an Universitäten und kulturellen Einrichtungen Vorträge zu halten und Workshops zu leiten. 2002 war er ein Gründungs-Mentor im Bereich Tanz der Rolex Mentor and Protégé Arts Initiative. Forsythe ist Ehrenmitglied des Laban Centre for Movement and Dance in London und Ehrendoktor der Juilliard School in New York. Fernerhin ist Forsythe derzeit ein A.D. White Professor-at-Large an der Cornell University (2009-2015).


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