Theater

Tannöd


Die Nachkriegszeit, ein alte Bauernhof, mitten im Wald: Tannöd, ein vergessener Winkel im Niemandsland, weitab vom Dorf und den nächsten Nachbarn. Die Danners, seine Bewohner eigenbrötlerische, mürrische Menschen, die sich außerhalb der Gemeinschaft eingerichtet haben. Doch irgendwann dringt kein Lebenszeichen mehr von Tannöd ins Dorf, nur der Hund kläfft.

Im Heu, im Bett, in der Kammer werden die Leichen der Familie entdeckt: der Bauer, seine verhärmte Frau, die Tochter mit den beiden Kindern, die neue Magd – alle ermordet mit einer Spitzhacke. Vom Mörder fehlt jede Spur. Aber das Verbrechen fungiert als Katalysator, um ein viel tieferliegendes, verschüttetes Geheimnis der ganzen Dorfgemeinschaft an die Oberfläche zu holen. Es enthüllt tabuisierte, grausame Ereignisse der Vergangenheit, die von den Dorfbewohnern zwar nicht gewollt, aber geduldet worden sind.

Fast wie ein Oratorium rekonstruiert Andrea Maria Schenkel Blutbad und Familiengeschichte mosaikartig aus ineinander verschnittenen Berichten der Dorfbewohner, inneren Monologen und realistischen Betrachtungen der Geschehnisse. Alle kommen zu Wort, auch der unbekannte Mörder. Die einzelnen Stimmen mischen sich zu einem Chor aus Lebenden und Toten, Schuldigen und Unschuldigen, Tätern und Opfern, wobei eindeutige Zuweisungen im Verlauf der Geschichte immer schwerer fallen. Schenkel zeichnet mit brillanter Sprache präzise die Wirklichkeit nach. Angeekelt und fasziniert zugleich verfolgen wir die Weltabgewandtheit, Bigotterie und blinde Obrigkeitstreue, die die Figuren deformieren, ihre Lebenswege bestimmen – und zwangsläufig ins Unglück führen.

nach Roman von Schenkel und Stückfassung von Maya Fanke und Doris Happl
Inszenierung: Rüdiger Hentzschel
Mit: Monica Anna Cammerlander, Carina Thesak, Johanna Withalm, Birgit Wolf, Sebastian Brummer, Bernie Feit, Hermann J. Kogler, Wolfgang Lesky.

KRITIK
Die Wiener Scala bringt in dieser Saison offenbar mit Vorliebe ländliche Tragödien auf die Bühne. Während es im Vormonat nach Steinbecks Roman „Von Mäusen und Menschen“ auf einer amerikanischen Farm zu zwei Todesfällen gekommen ist, wird diesmal auf einem bayrischen Einödhof gleich eine ganze Familie ausgerottet (darunter zwei Kinder und eine Magd). Diese schaurige Tragödie beruht auf einem wahren Fall aus dem Jahr 1922 und regte Andrea Maria Schenkel 2006 zu einem international erfolgreichen Kriminalroman an, bei dem sie die Handlung allerdings in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt hat. Während in Wirklichkeit der Täter nie gefunden wurde, meldet er sich in dieser Version mehrfach zu Wort. Trotzdem erfahren wir dank geschickter Inszenierung erst ganz zuletzt seine wahre Identität, weil seine früheren Erzähl-Passagen von allen mitwirkenden Männern abwechselnd gesprochen werden.

Im Programmheft erhalten die acht hervorragenden DarstellerInnen übrigens keine Rollennamen zugeteilt – und das aus gutem Grund, denn jede(r) von ihnen verkörpert viele Figuren, die abwechselnd zu Wort kommen, um so die Umstände des Verbrechens aus möglichst vielen Perspektiven darzulegen. Für uns setzt sich aus den Berichten, dem Getratsche und den Zeugenaussagen der Dorfwohner - oder sogar den Stimmen der Opfer - mosaikartig eine verstörende Geschichte zusammen, die zu der sechsfachen Bluttat führte. Der abgelegene Hof ist nicht nur äußerlich verkommen, sondern es herrscht dort allgemein eine ungesunde Atmosphäre: der Bauer erweist sich als absoluter Patriach, bei dem alles nach seinem Kopf zu gehen hat und der sich nimmt, was ihm gefällt – dabei macht er selbst vor der eigenen Tochter nicht Halt (auch eine polnische Fremdarbeiterin soll er misshandelt und in den Selbstmord getrieben haben). Das Morden müssen wir dann allerdings zum Glück nicht mitansehen, weil sich die 80minütige Bühnenfassung ganz auf die Macht des Wortes verlässt und keine Schockeffekte durch Kunstblut nötig hat.

Der Theaterabend wird vor allem durch ein ungewöhnliches Bühnenbild in Erinnerung bleiben, das Regisseur Rüdiger Hentzschel selbst entworfen hat. Als würden wir uns tatsächlich im Bayrischen Wald befinden, verteilt sich über den Bühnenraum ein Wald von Holzleitern, auf denen die Akteure viel herumklettern. Es könnten aber auch unvollständige Kreuze sein, wie es sich für einen hochkatholischen Landstrich gehört (immerhin wird zwischendurch in Fürbittenform viel gebetet), und sobald die Scheune als Hauptschauplatz der Bluttat ins Spiel kommt, sind Leitern erst Recht angebracht (auch ein Dieb verschafft sich über sie Zutritt in den Hof). Oder befinden wir uns überhaupt in einem Zwischenreich, in dem die Toten ihren Weg sowohl nach oben als auch nach unten antreten können?

Dieses Werk ist Schau-Stück und Hör-Spiel zugleich - es lohnt sich also besonders, Augen und Ohren aufzusperren. Letzteres wird durch die Akustik aber leider etwas erschwert, weshalb ältere Menschen im Publikum fast nur die Hälfte verstehen. Wirken Leitern tatsächlich so schalldämpfend? Dem Manko lassen sich jedoch durchaus positive Seiten abgewinnen: das ergibt einen guten Grund, gleich noch einmal ins Theater zu gehen, um sich dann auf die andere Hälfte zu konzentrieren.
franco schedl


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