Literatur

Stunde der literarischen Erleuchtung - Friedrich Polakovics/ Daniel Wisser


Friedrich Polakovics hat als Herausgeber der Zeitschrift »Neue Wege« und als Mentor und Förderer von Autoren wie H. C. Artmann, Andreas Okopenko und Gerhard Rühm die österreichische Nachkriegsliteratur wesentlich beeinflusst. Was sein eigenes Werk betrifft, so hat Polakovics neben zahlreichen Übersetzungen einen Roman mit dem Titel »Versuch über den Krieg« hinterlassen, der 1966 geschrieben wurde. Der Ausgangspunkt ist folgender: Polakovics wurde 1922 geboren, im Jahr 1944 (im Alter von 22 Jahren) zur Wehrmacht eingezogen und berichtet im Jahr 1966 (im Alter von 44 Jahren) über diese Zeit. Doch »Versuch über den Krieg« ist weit mehr als eine Schilderung dessen, was der Funker Polakovics bei der Wehrmacht erlebt hat. In die stilistisch vielschichtige Montage, die sich auf zwei Zeitebenen ausbreitet, arbeitet der Autor zeitgenössische Betrachtungen, Dialoge und Zeitungsartikel ein. Polakovics verurteilt die Verdrängung des zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit in Deutschland und Österreich und spricht bereits damals Themen wie das Wiedererstarken des Nationalismus, Holocaust-Leugner, Restitution und die opportunistische Haltung Westeuropas zum Vietnam-Krieg an. Sein Roman steht in seiner Radikalität und Schärfe Curzio Malapartes zwei großen Kriegsreportagen »Kaputt« und »Die Haut« um nichts nach. Mit »Versuch über den Krieg« kämpfte Friedrich Polakovics gegen das Vergessen; genauso sollte sein einzigartiger Roman vor dem Vergessen bewahrt werden. (Daniel Wisser)

Daniel Wisser, *1971 in Klagenfurt. Er veröffentlicht Lyrik, Prosa und radiophone Werke, ist Mitbegründer des Ersten Wiener Heimorgelorchesters und Verleger der Reihe »Der Pudel«. Zuletzt erschienen: Standby. Roman (2011); Ein weißer Elefant. Roman (2013); Kein Wort für Blau. Erzählungen (2016).


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