Theater

Strotter


Das Ensemble verlässt seine angestammte Bühne in der Porzellangasse und bespielt den öffentlichen Raum, die übliche Relation von Bühne und Zuschauerraum zerbricht und mit ihr vermeintliche Gewissheiten: Was ist echt? Was gespielt? Wer sind Darsteller und wer Passanten? Was ist Inszenierung, was Zufall?

Die Wiener Unterwelt begann schon Ende des 19. Jahrhunderts eine Weltkarriere. Schon immer fast mythisch aufgeladen, wurde das ausgeklügelte Kanalsystem schnell zum Rückzugsraum derer, die nicht mit dem Tempo der Industriegesellschaft mithalten konnten. Die Ausgeschlossenen zogen sich in den Untergrund zurück und wühlten dort in Abfällen und Abwässern: Der Strotter war geboren!

In Krisenzeiten musste alles von Nutzen sein, Rückstände von Fett im Abwasser wurden zu Seife verarbeitet und von Zeit zu Zeit verirrten sich Wertgegenstände, Münzen oder Schmuck in den unterirdischen Wasserstrom und ließen sich ebenfalls zu Geld machen. Der Strotter sammelte alles, was ihm in die Finger kam und versuchte es nutzbar zu machen, um den Anschluss nicht gänzlich zu verlieren an eine Gesellschaft, die nicht daran interessiert war, durch sozialen Aufstieg ihre geordnete Klassenstruktur zu gefährden.

Mehr als ein Jahrhundert später ist der Alt-Wiener-Begriff »Strotter« nicht mehr überall geläufig und doch gibt es sie noch, die modernen Erniedrigten und Beleidigten, die am Rand der Gesellschaft leben. Weithin ist das Klima von der Angst vor sozialem Abstieg geprägt. In der aktuellen Flüchtlingskrise stellt sich immer schärfer die Frage, inwieweit ein Gemeinwesen langfristig bereit sein wird, Hilfsbedürftige aufzunehmen.

Obwohl eine Vielzahl von Menschen mit großem Engagement versucht, die Situation der Geflohenen zu verbessern, dürfte uns die Flüchtlingskrise als größte gesellschaftliche Herausforderung seit vielen Jahren wohl noch eine Weile begleiten. Die anstehende Aufgabe, Asylwerber als Bürger zu integrieren, die langfristig im Land bleiben und sie nicht als Konkurrenz um Arbeitsplätze und Wohnraum zu begreifen, könnte einigen sozialen Sprengstoff bergen.

Gleichzeitig stellen Klimawandel und Naturkatastrophen unsere Art zu leben immer nachdrücklicher in Frage. Über 40 Jahre, nachdem der »Club of Rome« sein alarmierendes Zukunftsbild gezeichnet hat, ist eine wirksame Reduktion des CO2-Ausstoßes bestenfalls Zukunftsmusik, denn die westlichen Gesellschaften setzen immer noch weitgehend ungebrochen auf das Konzept wirtschaftlichen Wachstums. Wird das Leben unter der Erde ein Konzept der Zukunft und der moderne Strotter ein Mensch des 21. Jahrhunderts?

Thomas Köck, geboren 1986 in Steyr, studierte Philosophie und Literatur in Wien und Berlin sowie seit 2012 Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Er gilt zurzeit als einer der vielversprechendsten jungen Autoren Österreichs und war mit seinem jüngsten Stück »paradies fluten (verirrte sinfonie)«, in dem er sich mit den Auswirkungen der Erderwärmung beschäftigt, zum renommierten Heidelberger Stückemarkt 2015 eingeladen. Für sein erstes Stück »jenseits von fukuyama«, in dem er mit ungeheurem Sprachwitz das Ende des Endes der Geschichte ausruft, wurde er 2013 mit dem ersten Osnabrücker Dramatikerpreis ausgezeichnet. Kurz darauf ließ er in seinem zweiten Werk »Isabelle H.« eine Geflüchtete und einen traumatisierten Afghanistansoldaten aufeinander treffen. Das Stück wurde mit dem Else-Lasker-Schüler- Preis ausgezeichnet und am Pfalztheater Kaiserslautern uraufgeführt. Im Frühjahr 2016 wird es am Wiener Volkstheater zu sehen sein. In der aktuellen Spielzeit ist Thomas Köck Hausautor am Nationaltheater Mannheim.

Für die Stückentwicklung »Strotter« arbeitet er erstmals mit dem Schauspielhaus Wien zusammen und wird gemeinsam mit Tomas Schweigen einen Abend entwickeln, der in einer abgründig-versponnenen Science-Fiction-Vision einen Blick in eine mögliche Zukunft Wiens wirft und seinen Zuschauern gänzlich neue Perspektiven ermöglicht.

Aufgrund der geringen Anzahl von Plätzen, müssen reservierte Tickets bis jeweils einen Tag vor der Vorstellung an der Tages-/Abendkassa abgeholt bzw. telefonisch (via Kreditkarte) bezahlt werden!

Wir empfehlen der Witterung entsprechende Kleidung und Schuhwerk. Zudem weisen wir ausdrücklich darauf hin, die Teilnahme erfolgt auf eigene Gefahr. Eine Haftung seitens des Schauspielhauses besteht nicht.

Produktionsteam
Autor: Thomas Köck
Regie: Tomas Schweigen
Bühne: Stephan Weber
Kostüme: Anne Buffetrille
Musik: Jacob Suske
Dramaturgie: Anna Laner
Besetzung: Jesse Inman, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger


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