Kunstausstellung · Fotografie Ausstellung

Still Still Life


Radikal unterwandert das Stillleben klassische Hierarchien, denn es adelt auch die einfachsten, sonst oft übersehenen und wenig geachteten Dinge. Eine gut gemalte Rübe sei mehr wert als eine schlecht gemalte Madonna, bemerkte bekanntlich Max Liebermann.

Eine Blumenvase, eine Uhr, ein Totenschädel, seitlich einfallendes Licht, das die Oberfläche der Stoffe und Materialien gezielt zum Glänzen bringt: Auf einem Stillleben scheint die Zeit innezuhalten und ihr unaufhaltsames Voranschreiten tritt dadurch umso bewusster hervor.
Radikal unterwandert das Stillleben klassische Hierarchien, denn es adelt auch die einfachsten, sonst oft übersehenen und wenig geachteten Dinge. Eine gut gemalte Rübe sei mehr wert als eine schlecht gemalte Madonna, bemerkte bekanntlich Max Liebermann.

Seine traditionelle Bedeutung hat das Stilleben ebenso verloren wie andere Bildgattungen, doch sein innovatives Potential wirkt bis heute nach. Das betrifft weniger die klassische Ikonographie mit seinen Varianten, dem Blumen-, Jagd- oder Prunkstillleben. Sie lebt stärker in der Werbung weiter als in der Kunst. Dort wird das Stillleben eher als Assoziationsraum aufgegriffen, als Spiel mit der Still-Stellung im Bild, mit der Mataphorik von Leben und Tod. Dieser assoziativ erweiterten Auffassung des Stilllebens folgt still still life auch darin, dass hier keine kuratorische Auktorialität das Zepter führt. Künstlerinnen und Künstler der Galerie wurden gebeten, selbst Werke für die Ausstellung vorzuschlagen, um den Assoziationsraum Stillleben aus ihrer Sicht zu öffnen.

Die auf den ersten Blick oft überraschende Auswahl stellt eine spielerische Aufforderung an die Besucher dar, das „Stillleben“ der Ausstellung wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Wie etwa lässt sich der als „schlafend“ bezeichnete, aber bei genauem Hinsehen schon Spuren der Verwesung aufweisende Fuchs, den Anna Kolodziejska fotografisch ins Bild gesetzt hat, auf die Tradition des Stilllebens beziehen? Erlegte Tiere gehören zum festen Repertoire des Jagdstillebens, ein toter Fuchs eher nicht. Er verweist – als Stillleben in der freien Natur – in einer Aktualisierung des Vanitas-Motivs eher auf die ökologischen Folgen unseres Naturverständnisses.
Dem virtuosen Spiel mit der Oberfläche der Dinge zeigt Tobias Hantmann humorvoll das Hinterteil. Die Rundungen, die sich dem Betrachter so „appetitlich“ entgegenstrecken wie die samtene Oberfläche eines von Chardin gemalten Apfels, sind die eines weiblichen Gesäßes. Dass auch gesamte menschliche Körper zum Still-Leben werden können, führen Patrycja German und Holger Endres in längeren Performances vor, während derer sie sich nicht bewegen. Ein Video der Performance lässt sich auf den ersten Blick von einer Fotografie nicht unterscheiden.
René Luckhardt greift das Moment der Stillstellung des Lebens in der Fotografie auf, in dem er Köpfe und Gesichter unter anderem aus Fotos von Man Ray collagiert und mit malerischen Mitteln gleichsam in starre Skulpturen verwandelt: ein Spiel mit den künstlerischen Medien, das sie alle unter die Kategorie des Stilllebens bringt?
Und was verbindet Madeleine Boschans senkrecht an der Wand positionierte 6 Elemente (Parataxe) mit dieser Kategorie? So wie bei diesem skulpturalen Arrangement die Identität der länglichen Objekte offen bleibt, sind bei Stillleben die Variationen der kompositorischen Anordnung oft entscheidender als die Dinge selbst.
Auch auf Erwin Gross’ Gemälde Untitled sind vertikale Strukturelemente auszumachen, gegenständlich ebensowenig identifizierbar. Wie Nebelschwaden überziehen verschiedene Fabakzente das Bild. Könnte man es auch als Trompe-l’oeil lesen, das mit der möglichen Verwechslung von Realität und Abbildung spielt? Liegen vielleicht Spuren auf einer Wand oder Mauer zugrunde, die Gross ebenso akkurat abgemalt hat wie einst Cornelis Gijsbrechts, der Virtuose des Augentäuschungs-Stilllebens, die einzelnen Zettel auf einer Pinnwand oder die Rückseite eines Bildes?
Die erstaunliche Aktualität des Stilllebens beruht nicht zuletzt darauf, dass es sich sofort in Erinnerung bringt, wenn Illusion und Täuschung im Spiel sind. Die Illusion, die in der modernen Kunst weitgehend verpönt war, sich gleichwohl immer wieder einschlich und im Surrealismus grandios wieder auflebte, war im Stillleben immer schon zuhause. Welches ästhetische und inhaltliche Potential auch heute noch in ihm liegt, führt still still life facettenreich vor.

Ludwig Seyfarth


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