Diverses

Steirischer Herbst / The Global Congress of Post-Prostitution


Das Kernprogramm des steirischen herbst '19 trägt den Titel Grand Hotel Abyss - Grand Hotel Abgrund. Mit diesem eindrücklichen Bild hat der Philosoph Georg Lukács die Haltung europäischer Intellektueller und Kulturschaffender angesichts des aufkommenden Faschismus beschrieben. „Das Grand Hotel ‚Abgrund‘", schrieb Lukács in einem unveröffentlichten Manuskript gleichen Namens von 1933, „ist für jeden Geschmack, für jede Richtung vorsorglich eingerichtet. Jede Form der intellektuellen Berauschung, aber zugleich auch jede Form der Askese, der Selbstpeinigung ist gleicherweise gestattet; und nicht nur gestattet, sondern es gibt glänzend ausgerüstete Bars für jenes und vortrefflich hergestellte Turngeräte und Folterkammern für dieses Bedürfnis. Und nicht nur für Einsamkeit, sondern auch für Geselligkeit jeder Art wird gesorgt. [...] Der Totentanz der Weltanschauungen, der sich alltäglich und allabendlich in diesem Hotel abspielt, wird für seine Einwohner zu einer angenehmen und aufregenden Jazz-Band, bei der sie Erholung nach ihrer anstrengenden Tageskur finden."

Dieses Hotel ist bis heute in Betrieb, wenngleich es nicht mehr nur Intellektuelle verwöhnt. Kulturtourist*innen, Geschäftsreisende und Hipster sind hier ebenso jederzeit willkommen. Es gibt nicht nur ein allgemeines ästhetisches Interesse an und sogar eine Sehnsucht nach konservativen Verhältnissen, sondern auch nach dem Hedonismus der frühen Dreißigerjahre in der Luft. Während dysfunktionales Durchregieren Politik und Gesellschaft zerrüttet und neue Furcht vor Katastrophen nährt, wird für die Privilegierten das Leben unablässig noch bequemer und noch vergnüglicher gestaltet. Deutliches Anzeichen dafür sind die vielen kulinarischen und kulturellen Komfortzonen, die sich überall auf der Welt wie Blasen bilden - und Graz ist eine davon. Besonders, wenn sie als „Genusshauptstadt" der „Genussregion" Steiermark verpackt wird.
Von einer ausgelagerten und unsichtbaren Unterschicht wird hier ein Lebensstil geprägt von Vergnügen und Wellness ermöglicht, bei dem die Grenze zwischen Arbeit und Spiel fließend ist. Genau das Verschwimmen von Arbeit und Spiel im Urlaub führte auch zum Niedergang von Österreichs Regierungskoalition im Frühjahr 2019.

Dieser Hintergrund des Genusses und der politischen Krise ist Ausgangspunkt für das Kernprogramm des diesjährigen steirischen herbst. Grand Hotel Abyss lädt ein zu fortgesetztem und weiter ausholendem Nachdenken über den Hedonismus in diesen turbulenten Zeiten und führt uns damit über Lukács‘ Metapher hinaus. In Auseinandersetzung mit der historischen und historistischen Architektur der Stadt fragen wir, was es heißt, inmitten der Grandeur und des Charmes alter Zeiten ein Festival der zeitgenössischen Kunst zu veranstalten. Welche finsteren Erinnerungen noch aus der Zeit der Kolonialreiche enthält eine Architektur, die später auch eine makellose Kulisse für den Kalten Krieg abgab (der angeblich auch wieder da ist)? Nach dem Zweiten Weltkrieg war Graz Hauptquartier der britischen Besatzungskräfte und voller tatsächlicher wie ausgedachter Spione. In derselben Zeit kam auch eine „sanfte Macht" der Kulturpolitik wieder zu Ehren, deren konkrete und mythische Nachwirkungen ein weiteres Thema des Festivals sind. Diese Politik äußerte sich auch in einem Wiederankurbeln des Fremdenverkehrs und Kurbetriebs. Zugleich entstanden aus den Ruinen des Krieges mit der Landwirtschaft und Nahrungsmittelherstellung in der uns heute bekannten Form die Grundlagen der zeitgenössischen Glückseligkeitsindustrie.

Getrieben von dieser Industrie drängt auch die emsige Arbeit an sich selbst über die früheren Grenzen hinaus und durchbricht die monotonen, fabrikartigen Rhythmen von Urlaub, Mahlzeiten oder Sex. Dazu kann sie auf ausgeklügelte neue Angebote zugreifen und verbirgt sich dabei möglicherweise hinter einer Wirklichkeit - oder verherrlicht diese sogar -, in der Prostitution und Ausbeutung allgegenwärtig sind. In solchen Lebenswelten verschärft sich die Spaltung zwischen Haben und Nichthaben, die ebenfalls ein wiederkehrendes Thema des Programms bildet. Insbesondere vom Hochsitz des Privilegs aus gesehen regt diese Kluft nicht selten apokalyptische Fantasien an. Und so befassen sich etliche Beiträge zu dieser Ausgabe des steirischen herbst auch mit apokalyptischen Vorstellungswelten, und zwar nicht nur als Spiegel dystopischer Tendenzen in der Gegenwart, sondern auch als Ort für Hoffnung und Erneuerung.

Intendantin und Chefkuratorin: Ekaterina Degot
Konzept: Ekaterina Degot und David Riff
Kuratorisches Team: Mirela Baciak, Ekaterina Degot, Henriette Gallus, Dominik Müller, Christoph Platz und David Riff


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