Theater

Sippschaft


Das ungewöhnlich Reizvolle an diesem Stück ist unter anderem die Auseinandersetzung von Publikum und Ensemble mit der Gebärdensprache. Die Vorstellungen werden übertitelt, um beide Welten für hörende wie nichthörende Zuschauer zu erschließen.

Billy geht‘s nicht schlecht. Er ist Anfang zwanzig und lebt in einer intellektuellen Familie, die wie jede andere ihre eigenen Rituale, ihre eigenen Scherze und ihre eigene Sprache kultiviert hat. Sein Vater Christopher ist Akademiker und Autor, seine Mutter Beth schreibt gerade einen Roman über eine gescheiterte Ehe, seine Schwester Ruth bastelt mäßig erfolgreich an einer Karriere als Opernsängerin und Bruder Daniel nimmt Psychopharmaka und sitzt ewig lang schon an seiner Masterarbeit über die Funktion der Sprache. Alle reden gern, laut und viel, oft auch aneinander vorbei, eine unkonventionelle und manchmal recht nervende Form der Zuwendung. Billy, der jüngste ist der perfekte Zuhörer. Billy ist allerdings taub, aber er hat gelernt von den Lippen abzulesen und dank des unermüdlichen Einsatzes seiner Mutter, passabel zu sprechen. Er hat eine "normale" Schule besucht und ist, so scheint es, perfekt integriert, worauf alle Familienmitglieder auch gehörig stolz sind. Billy soll sich ja nicht behindert fühlen!
Doch dann verliebt er sich in Sylvia, eine junge Frau, deren Eltern taub sind und die selbst nach und nach ihr Gehör verliert. Durch sie lernt er eine andere, für ihn neue Welt kennen: die Welt der Gehörlosen. Er merkt, wie sehr er durch die Vorgaben seiner hörenden Familie bestimmt ist und wie wenig sie sich im Gegenzug auf ihn eingelassen hat. Er entdeckt mit dem Erlernen der Gebärdensprache seine eigene Sprache und beginnt, seinen eigenen Weg zu gehen.
Nina Raine (Jahrgang 1976) ist eines der größten Talente des britischen Theaters. In ihrem dritten, vielfach ausgezeichneten Theaterstück ›Sippschaft‹ (Tribes), das im Londoner Royal Court Theatre uraufgeführt wurde, verhandelt sie unterhaltsam die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen unserer Sprache und Kommunikation. Daneben ist aber die Behinderung des Protagonisten aber auch eine Metapher für die Suche nach Identität beim Erwachsenwerden.

KRITIK

Keine Sorge – der Titel trügt! „Sippschaft“ verlangt den Theaterzuschauern nicht ab, sich in komplizierten Verwandtschaftverhältnissen zurecht zu finden, sondern bietet eine sehr überschaubare Figurenkonstellation: Vater, Mutter und drei Kinder, von denen eines gehörlos ist. Die junge britische Autorin Nina Raine führt uns mitten hinein in eine etwas exzentrische Familie mit ausgeprägter Streitkultur.
Der Vater ist zynisch-sarkastisch und macht sich mit seiner ruppigen Art bestimmt keine Freunde; vor allem auf Fremde muss er extrem unhöflich wirken. Clemens Aap Lindenberg spielt diesen Mann jedoch mit solch herzhafter Direktheit, dass man ihm beim besten Willen nicht böse sein kann, wenn er sich wieder einmal daneben benommen hat. In Marion Rottenhofer findet er eine konfliktbereite (Bühnen)Partnerin. Die beiden hörenden Geschwister (Anna Sagaischek und Eric Lingens) streiten wacker mit und haben viel mehr Schwierigkeiten, mit dem Leben klar zu kommen, als Billy (Thomas Marchart) selbst – er ist der Friedfertigste und Ausgeglichenste in dieser Runde.
Nachdem der junge Mann die ertaubende Sylvia (Melanie Flicker) kennen und lieben gelernt hat, gerät er erstmals in Kontakt mit einer Welt der Gehörlosen, vor der ihn seine Umgebung bisher abgeschirmt hatte. Er beherrscht das Lippenlesen zwar aus dem ff, hat aber dafür niemals gelernt, mit den Händen zu sprechen, weil ihn die Eltern, unter Ausblendung der Behinderung, wie einen Hörenden erzogen haben. Der Gebärdensprache stehen sie von vornherein eher ablehnend gegenüber und die Community der Gehörlosen wird von ihnen ebenfalls argwöhnisch betrachtet. Das eigentliche Problem liegt aber anderswo: jeder von ihnen hatte den Jungen für sich vereinnahmt und ist nicht so leicht bereit, ihm ein eigenes Leben zuzugestehen. Billys neuer Drang zur Unabhängigkeit führt zu Konflikten, und setzt eine schwierige Abnabelung von den Familienbanden in Gang.
Babette Arens inszeniert das emotionsreiche Stück mit großem Einfühlungsvermögen und verschafft uns obendrein einen faszinierenden Kurzlehrgang in Gehörlosensprache. Die Leistungen von Thomas Marchart und Melanie Flicker sind ohnehin beeindruckend genug, doch unsere Hochachtung steigt noch einmal gewaltig, sobald wir erfahren, wie intensiv sich die beiden hörenden Schauspieler auf ihre Rollen vorbereiten mussten. Nicht nur die Gebärdensprache haben sie dank einer Trainerin perfekt erlernt, sondern auch ihren Sprachduktus an die Gegebenheiten angepasst.
Sobald die beiden mit den Händen sprechen, können wir die Übersetzung davon auf der Bühnenrückwand mitlesen. Aber es funktioniert zugleich auch umgekehrt, da diese Vorstellung für Gehörlose ebenfalls geeignet ist: der gesamte Sprechtext wird in Übertiteln eingeblendet (die allerdings von den beiden ersten Reihen aus nur um den Preis der Genickstarre zu lesen sind). Da ist es nur folgerichtig, dass die Zuschauer ihre Hände beim Schlussapplaus dann auch heftig in Bewegung versetzen.

franco schedl

Ein Stück von Nina Raine
Österreichische Erstaufführung
Inszenierung: Babett Arens
Kostüme: Alexandra Fitzinger
Musik: Fritz Rainer

Es spielen für Sie:
Melanie Flicker, Marion Rottenhofer, Anna Sagaischek, Clemens Aap Lindenberg, Eric Lingens, Thomas Marchart


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