Tanz

Scores N°11 - archives to come


Die neue Edition von Scores widmet sich unterschiedlichen Praktiken und Strategien des potenziellen und stets neu aktualisierbaren Archivierens, des künftigen Archivs – stets am Kommen, der archives to come.

Scores #11 versuchen dabei die Tendenzen, Möglichkeiten und Mittel aufzuspüren, die gegenwärtige choreografische Praxis – auch im Gegensatz zu und in Allianz mit anderen Disziplinen – in diesem Zusammenhang bieten kann.

In der Tätigkeit des Archivierens aktualisiert sich immer wieder eine potenziell konkrete Gegenwart, in der sich ein einzelnes oder kollektives Subjekt neu verortet, in Beziehung setzt. Dabei wird über das Aufspüren, Sammeln, Anordnen von Objekten und Materialen Vergangenes als Zukünftiges, Zukünftiges als Vergangenes gleichsam mitentworfen – als das, was hätte sein können, als das, was gewesen sein wird.

Uns beschäftigt in dieser 11. Ausgabe von Scores die Frage des Begehrens und der Agency des Sammelns und Archivierens vor dem Hintergrund sich verändernder künstlerischer und politischer Situationen, in Zuständen von Bewegung, von Transition. Mehr noch: in welchen kritischen Situationen besteht das Bedürfnis, ja die Notwendigkeit, (Gegenwarts-)Bestände aufzunehmen, neu zu lokalisieren und in Bezug zu bestehenden Master Narrativen in ein neues Verhältnis zu stellen – wie in vielen Archiven von Unten, wo über das Schrauben am Gewesenen neue Wege und gangbare Kontinuitäten gelegt werden? Welche Affekte und Sehnsüchte aktualisieren sich in diesem Handeln?

In unseren Fragestellungen spielen gerade auch jene Anteile und Aspekte von Archiv eine Rolle, die sich häufig einer reflektierenden Metaebene entziehen und zu denen wir nur schwer Zugang finden, die nur in Spuren und Symptomen aus verschiedenen Speichern und Schichten (Körper, Raum, Zeit) zu uns sprechen, sich bemerkbar machen, sichtbar werden – meist in nicht kontrollierbaren Situationen. Wie können die uns prägenden Diskurse entlarvt, unsere blinde Flecken aufgezeigt werden, wo haben, tragen wir „unsere“ Kultur(en) archiviert? Jacques Rancière schreibt, dass Identität nur eine Frage des Raumes sei, wir müssen reisen, uns bewegen, um sie erkennen zu können.

In dieser Auffassung von Archiv können Objekte und Materialien ihre Ursächlichkeit nicht einfach über die Zusammenhänge, in die sie gestellt werden, behaupten oder abschütteln, sondern bergen und erzählen auch unabhängig der Projektion desr Archivierenden gleichzeitig „eigene“ Geschichte(n). In einer Praxis aktiver Archäologie des Auflistens erfahren Objekte und Materialien selbst Subjektstatus, Archivarinnen und ihre Körper werden selbst zu Untersuchungsgegenständen, indem auch sie auf ihre Einschreibungen, Zuschreibungen und Überschreibungen hin geprüft werden bzw. per se nur im Prozess, temporär und situativ erfassen und erfasst werden können: Auch indem sie sich unermüdlich stets in Beziehung setzen zu (ihren) Erinnerungsräumen, zu Fluchträumen, die nicht mehr existieren, die hinter sich gelassen werden und doch mitgenommen, archiviert/aktiviert werden können, als kommende Räume, als archives to come.


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