Tanz

Schwanengesang


Das Wesent­liche in Bruges-la-morte ist nicht die Handlung vom trauernden Witwer, der eine illusorische und hoffnungslose Beziehung mit einer Tänzerin eingeht; die eigentliche Tragödie handelt von seelischer Zerrissenheit eines Menschen zwischen sittenstrenger Entsagung und wilder Leidenschaft, die sich bis in den Wahn steigert – ein Wahn, der sich in den verschiedensten Sinnes­eindrücken widerspiegelt, nicht zuletzt in Hugos Annahme, die Schwäne singen zu hören.

Tanztheater von Mei Hong Lin
in sechs Bildern frei nach Motiven von Georges Rodenbachs Roman Bruges-la-morte
Musik von Michael Erhard

Melancholie, Todessehnsucht und wahnhafte Fantasie bestimmen den jungen Hugo, der nach dem Tod seiner Frau durch das ver­nebelte Brügge irrt. Doch statt sich gegen sein Schicksal aufzubäumen, entwickelt sich seine Schwermut zum alles bestimmenden Lebensgefühl, das die Wahrnehmung trübt und die Realität verwischen lässt.

Mit dieser Hauptfigur erschuf George Rodenbach in seinem ­Roman Bruges-la-morte (1892) ­einen Archetypus der Dekadenz, der die Geisteshaltung und ein belieb­tes Sujet der Kunst des Fin de Siècle in Reinform verkörpert und bereits durch Erich Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt den Weg auf die Bühne gefunden hat. Die atmosphärische Welt der ­melancholischen Stadt Brügge, in der Rodenbach seinen Antihelden Hugo Viane sich ganz seiner ­Trau­er und Schwermut hingeben lässt, sowie die existenzielle Schwere und Ausweglosigkeit ­seines Gemütszustandes sind bezeichnend für dieses Werk, das Mei Hong Lin als Inspiration für ihr Tanz­theater Schwanengesang dient.

Dekadenz ist nur einer von zahlreichen konkurrierenden Epochenbegriffen für das Ende des 19. Jahrhunderts. Georges Rodenbach hat diese Strömung um eine eigene flämische Variante ergänzt, für die ein Lokalpatriotismus in symbolistischer Prägung charakteristisch ist: Glockenklänge, still dahingleitende Nonnen, Schwäne auf grauen Kanälen, ständiger ­Regen und Nebel formen eine mit allen Sinnen wahrnehmbare Topographie, in der die Grenzen zwischen der inneren und der äußeren Welt mehr und mehr in­ein­ander übergehen. Das Wesent­liche in Bruges-la-morte ist nicht die Handlung vom trauernden Witwer, der eine illusorische und hoffnungslose Beziehung mit einer Tänzerin eingeht; die eigentliche Tragödie handelt von seelischer Zerrissenheit eines Menschen zwischen sittenstrenger Entsagung und wilder Leidenschaft, die sich bis in den Wahn steigert – ein Wahn, der sich in den verschiedensten Sinnes­eindrücken widerspiegelt, nicht zuletzt in Hugos Annahme, die Schwäne singen zu hören.

Mei Hong Lin spürt dem Seelenbild eines Menschen nach, der zwar dem Leben entsagt, den seine Leidenschaften aber nicht aus dem Leben entlassen wollen.

Bereits 2007 war Mei Hong Lin mitDas Haus der Bernarda Alba als Choreographin in Linz zu Gast. Nun kehrt sie als neue Ballett­direktorin an das Landestheater Linz zurück und stellt sich mit Schwanengesang dem Publikum vor.


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