Jazz

Rudresh Mahanthappa


Der indischstämmige US-amerikanische Saxofonist und Komponist Rudresh Mahanthappa ist einer der „innovativsten Musiker des heutigen Jazz“ (WDR 3). Dreimal gewann er den renommierten amerikanischen Downbeat Critic’s Poll als Bester seines Instruments und 2014 erhielt sein letztes ACT-Album „Gamak“ den ECHO Jazz für das „beste Ensemble international“.

Auf „Bird Calls“ untersucht Mahanthappa gemeinsam mit seinem herausragenden Quintett, in dem besonders der 20-jährige Trompeter Adam O’Farrill beeindruckt, nun das Vermächtnis Charlie Parkers im Spiegel des Jazz des 21. Jahrhunderts. Damit geht er zugleich zurück in seine eigene Jugend, in der Parker zu seinen frühesten und prägendsten Einflüssen zählte. Ein Highschool-Lehrer gab ihm das Parker-Album „Archetypes“, zusammen mit dem „Charlie Parker Omnibook“, einer bekannten Transkriptionssammlung von Jamey Aebersold. „Ich war wie weggeblasen“, erinnert sich Mahanthappa, „ich konnte nicht glauben, welche Art zu spielen Bird gefunden hatte, mit so viel Charisma und über das ganze Horn fliegend. Charlie Parker zu hören, pflanzte den Samen für meinen Wunsch, für den Rest meines Lebens Saxofon zu spielen, denke ich.“ Unter nahezu der Hälfte der Stücke aus dem Transkriptionsbuch fand der junge Mahanthappa die Label-Angabe „Savoy 2201“. Als er dann im Plattenladen das Album „Bird: Master Takes“ mit eben dieser magischen Nummer sah, war das, „als hätte ich den Heiligen Gral gefunden.“

Mit "Bird Calls" geht es Mahanthappa um mehr als nur seine persönliche Beziehung zu Charlie Parker. „Es ist leicht, zu sagen, dass Bird die moderne Musik beeinflusst hat, wenn man diese Ansicht nicht detailliert begründen muss“, sagt Mahanthappa. „Wenn ich einen Plan für dieses Album hatte, dann den, diesen Befund wirklich zu untermauern. Unsere Musik sagt: Ja, Birds Einfluss ist absolut unauslöschlich und hier kommt, warum. Alles auf dem Album ist direkt von Charlie Parker inspiriert, aber es klingt so modern wie etwas, das heute entstanden ist.“

Obwohl „Bird Calls“ also eine Hommage an einen Gründervater des Jazz ist und obendrein zum 95. Geburtstag Parkers erscheint, ist es kein „tribute album“ im herkömmlichen Sinn. Es findet sich nicht eine einzige Parker-Komposition darauf, vielmehr besteht es vollständig aus neuen, von Mahanthappa für dieses Projekt geschriebenen Stücken.

Doch natürlich ist Bird in jedem einzelnen stark präsent, ob nun eine bestimmte Melodie oder ein Solo von Parker als Quelle der Inspiration dient. Als anschaulichstes Beispiel von Mahanthappas Methode mag „Talin Is Thinking“ dienen: Das Stück ist sowohl Mahanthappas zweijährigem Sohn als auch „Parker's Mood“ gewidmet. Die bekannte Melodie der Bird-Komposition ist im Kern intakt, wird aber durch den Verzicht auf die synkopierte Rhythmik in ein verschlungeneres, auch etwas düstereres Stück verwandelt. Ähnlich ist der Zugang bei „Chilin'“, wo sowohl Arrangement als auch die Soli, Themen umspielen, die aus Parkers „Relaxin' at Camarillo“ abgeleitet sind. „Sure Why Not?“ beruht auf den harmonischen Durchgängen von Parkers „Confirmation“, dessen originales Uptempo zu einer Ballade entschleunigt wird. „Maybe Later“ wiederum verwendet exakt die Rhythmik von „Now's The Time“, setzt aber ein völlig neues Solo darüber.

„Ich habe mir schon immer gedacht, dass wir Jazzmusiker Birds Soli und Head-Arrangements für selbstverständlich halten. Dabei sind sie harmonisch wie rhythmisch sehr komplex und fortgeschritten, sie sind so wegweisend und topaktuell wie irgendetwas von heute. Wir glauben, die Melodie von „Donna Lee“ oder die klassischen Soli zu kennen, aber was, wenn wir tiefer graben? Nimmt man eines für sich, ist es wie klassische Musik des 21. Jahrhunderts, mit einer wirklich modernen Denkweise über Rhythmik, Melodik und Harmonik“, sagt Mahanthappa. Und so nimmt er zum Beispiel bei „On The DL“ das zum Standard gewordene Motiv von „Donna Lee“ als Untergrund, auf dem er eine völlig neue Melodie aufbaut – durchdrungen von seinem bezwingend lyrischem, zugleich energetischem, ständig die Form und den Rhythmus wechselndem Spiel. Hier, wie in manchen anderen Passagen, sind seine und O’Farrills Linien so miteinander verwoben, dass man an Birds Duette mit Dizzy Gillespie denken muss, auch wenn das Tonmaterial ein völlig anderes ist, als das der vierziger Jahre.

„Wann immer ich mich uninspiriert oder niedergeschlagen fühle“, sagt Mahanthappa, „kann ich auf Charlie Parker zurückkommen und ich gehe sofort gestärkt und fröhlich daran, mein Saxofon und Jazz zu spielen. Seine und meine Musik kommen aus denselben Wurzeln und sprechen dieselbe Sprache. Es ist, als ob ich schon immer Bird gespielt hätte.“ So wie der Hörer von „Bird Calls“ fühlt, dass er schon immer Charlie Parker gehört hat. (Pressetext)

Rudresh Mahanthappa: alto saxophone
Adam O'Farrill: trumpet
Joshua White: piano
Francois Moutin: bass
Dan Weiss: drums


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