Literatur

Robert Schindel: Scharlachnatter


Für Robert Schindel bedeutet Sprache zweierlei: Beschwörungsakt des Einander-Verstehens und Rückhalt gegenüber der Sprachlosigkeit vor vergangenen und gegenwärtigen Bedrohungen und Gräuel. Sinnlichkeit und Lebenslust ziehen ihre Spuren, die sich mit denen des historischen Wissens und der Erfahrung stets kreuzen. An diesen Schnittpunkten ereignen sich die Momente der dichterischen Kreativität: neue Wortschöpfungen – Knochenblutort, Glitschglitzer, Stracholder, Zornlefze, Kussdurst, Atemherbeigeschleppe, Verfernzer, Sehnsuchtshintersassen – und Stimmungsverschneidungen, Balladenparlando und Strophenschnitt, Anklingen des Heine-Tons und der Celan-Verknappung. Natur, Liebe, Poetologie, Sprachreflexion, Existenz mögen die Themen von Schindels liedhafter Dichtung sein, ihr Grundton ist seit je, und nicht erst mit dem Gewahr-Werden des eigenen Alterns, melancholisch. Ihren aktuellen Titel Scharlachnatter hat sich Schindel bei Oscar Wildes Salome ausgeborgt. Marcel Reich-Ranicki hatte im Nachwort zu Fremd bei mir selbst geschrieben: Er wechselt oft die Töne seiner Dichtung, deren Motive und Melodien.

Aber widerborstig, gegen den Strich gebürstet, sind Robert Schindels Verse allemal und immer wieder. Rau und hart ist seine Stimme, vom Gefälligen will er nichts wissen, er hasst und verachtetet es … Was immer er gedichtet hat, es sind Verse eines Fliehenden, eines Gejagten und Gehetzten, eines Autors, der mehrfach preisgekrönt wurde, aber nicht integriert ist, eines Menschen, der letztlich keine Heimat hat … Seine Verse verdanken ihren unverwechselbaren Reiz der ständigen Verwendung und Verflechtung von Vokabeln und idiomatischen Ausdrücken sehr unterschiedlicher Art und Herkunft. Schindel profitiert oft vom Slang, Jargon und Dialekt, von Wienerischem und Jiddischem. In seinen Gedichten finden sich auch immer wieder kryptische Zitate und aufschreckende Anspielungen, kühne Neologismen ebenso wie Wortspiele und verblüffende Wortverbindungen. Robert Schindel, *1944 in Bad Hall als Sohn verfolgter Eltern (der Vater wurde im KZ ermordet). Buchhändlerlehre, Bibliothekar, externe Matura, journalistische Arbeit. Seit 1985 freischaffender Schriftsteller, leitete drei Jahre das Institut für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Erste Publikationen im »literarischen Untergrund« 1970. Seit 1986 erschienen folgende Lyrikbände: Ohneland; Geier sind pünktliche Tiere (1987); Im Herzen die Krätze (1988); Ein Feuerchen im Hintennach (1992); Immernie (2000); Nervös der Meridian (2003); Fremd bei mir selbst. Gesammelte Gedichte 1965–2003 (2004); Wundwurzel (2005); Mein mausklickendes Saeculum (2008). Prosa, Essays, Romane: Kassandra. Roman (1970, Neuauflage 2004); Gebürtig. Roman (1992); Die Nacht der Harlekine. Erzählungen (1994); Gott schütz uns vor den guten Menschen. Jüdisches Gedächtnis – Auskunftsbüro der Angst. Reden und Vorträge (1995); Mein liebster Feind. Essays (2004); Der Krieg der Wörter gegen die Kehlkopfschreie. Das frühe Prosawerk (2008); Dunkelstein. Eine Realfarce (2010); Man ist viel zu früh jung. Essays, Reden und Bekenntnisse (2011); Der Kalte. Roman (2013); Don Juan wird sechzig. Heiteres Drama (2015).


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