Rhinoz!


Ellen Schmitty hat frei nach Ionesco eine neue Parabel über den Verfall der bürgerlichen Zivilisation und die zunehmende Entmenschlichung in „Zeiten wie Diesen“ geschrieben.

In einer Epoche von „Wir zuerst“-Bewegungen auf der ganzen Welt, von Wahlerfolgen, die auf primitivsten Ängsten und unverblümter Brutalität gegen die Schwächsten aufgebaut sind, ist sie leicht zu deuten, diese kleine Story vom Durchschnittsmenschen , der mit seinen Freunden und Kollegen kopfschüttelnd mit ansieht, wie erst nur eine hartleibige Bestie die Straßen unsicher macht, und es dann langsam immer mehr werden. Irgendwann gewöhnt man sich, ja es wird schick, sich den Dickhäutern und ihrer „Rhinoz!“-Bewegung anzuschließen . Und irgendwann bleibt der letzte Mensch zweifelnd zurück … mit der Sehnsucht, doch auch mit der Herde mitstampfen zu können. Wann war es eigentlich zu spät, etwas dagegen zu unternehmen?

Inszenierung: Helena Scheuba
Bühne: Sam Madwar

Es spielen: Anna Sagaischek, Zeynep Buyrac, Randolf Destaller, Max Hoffmann, Clemens A. Lindenberg, Leonhard Srajer, Hendrik Winkler

KRITIK
Bereits zehn Jahre, bevor der Zombievirus endgültig um sich griff (Ausbruchsort: ein Friedhof in den USA), beschrieb der gebürtige Rumäne Ionesco auf Französisch eine andere besorgniserregende Epidemie: die Rhinozeritis. Immer mehr Menschen in einer kleinen Provinzstadt geben ihre Humanität auf, verwandeln sich in Dickhäuter und trampeln im Kollektiv durch die Straßen. Auch die wenig übriggebliebenen Personen erliegen allesamt den Verlockungen der brutalen Animalität. Nur dem Trinker Behringer will kein Horn wachsen und er bekräftigt im letzten Satz: „Ich kapituliere nicht“. Eine politische Parabel oder eine psychologische Fallstudie? Den Deutungsmöglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt – nur eines ist klar: das mit den Mitteln des absurden Theaters gezeigte Phänomen hat seine Aktualität nicht eingebüßt. Gnadenlose Hassprediger, herzlose Hetzer und ihre sturen Mitschreier sind gerade im Zeitalter der weltumspannenden Netzverbindung umso gefährlicher, und die Verbreitung der Nashornkrankheit kann noch viel rascher vor sich gehen.
In der Wiener Scala hat die in Amerika geborene Ellen Schmitty gemeinsam mit der Regisseurin Helena Scheuba und den Ensemblemitgliedern des ‚Theater zum Fürchten‘ eine neue Fassung des 60 Jahre alten Stücks erstellt. Im Programmheft heißt es zwar „sehr frei nach Eugene Ionesco“, aber das ist etwas übertrieben: der Autor hätte sein Werk auf Anhieb wiedererkannt. Zunächst musste natürlich kräftig gekürzt werden, was bei einem Stück, das 130 Druckseiten umfasst, kein Wunder ist. Andererseits hat das Team um Schmitty Zeitbezüge eingestreut, war aber hier politisch sehr zurückhaltend und legt sich nicht auf die aktuellen österreichischen Verhältnisse fest, sondern bringt zum Beispiel bloß allgemein Fremdenfeindlichkeit ins Spiel. Durch dialektale Färbung oder eine Erwähnung der "Karlich Show" wird die Handlung dennoch geografisch verortet.
Vor allem Clemens Aap Lindenberg bietet unseren Ohren in der Rolle der Alten Herren gleich zu Beginn ein herrlich kultiviertes Wienerisch dar, zeigt aber im zweiten Akt, dass er als Abteilungsleiter Schmetterling auch auf Hochdeutsch sehr gut schimpfen und schreien kann. Hendrik Winkler kehrt zunächst als Logiker einen kindisch-kindlichen Intellekt hervor, gibt sich als Büroangestellter dann hingegen abgeklärt-zynisch und offenbart zuletzt einen feigen Opportunismus. Max Hoffmann, der an dieser Bühne noch nicht sehr oft zu sehen war, kommt als pingeliger Freund der Hauptfigur immer mehr in Fahrt und lässt seine Verwandlungsszene in ein Nashorn, mit rauer Stimme schnaubend und brüllend, zu einem wahren Höhepunkt dieser Inszenierung werden. Ein erfreuliches Wiedersehen nach längerer Scala-Abwesenheit verschafft uns das Mitwirken von Zeynep Buyrac: sie verleiht dem Fräulein Daisy Glaubhaftigkeit und berührende Züge. Randolf Destaller schließlich lässt seinen Behringer als Mensch mit kleinen Fehlern und großem Rechtsbewusstsein zu einem wahren Sympathieträger werden, um dessen Schicksal man bangt.
Die fortschreitende Bedrohung wird auch durch Sam Madwars Bühnenbild deutlich: Behringers Welt stürzt regelrecht zusammen, denn zwei turmartige Aufbauten neigen sich von Szene zu Szene mit expressionistischer Schiefheit immer bedrohlicher auf ihn herab. Auch eine andere Herausforderung meistert Madwar kongenial. Laut Stückvorgabe verwüstet ja ein Nashorn Behringers Arbeitsplatz und eine Treppe bricht weg: das ergibt die Gelegenheit zu einem echten Knalleffekt, wenn eine schräg über die Bühne verlaufende Rampe plötzlich herabkracht.
Zuletzt noch ein Tipp vom Gesundheitsministerium: Haben Sie ein taubes Gefühl in der Stirn, beginnt es Sie dort zu jucken, nehmen Sie eine leichte Schwellung wahr? Dann wächst Ihnen womöglich auch gerade ein Horn. Stellen Sie einmal die Lektüre der FPÖ-Homepage und anderer gesinnungsverwandten Seiten ein – vielleicht lässt sich die Entwicklung dann noch rückgängig machen.
franco schedl


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