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Film

Retrospektive: Gillo Pontecorvo


Gillo Pontecorvo (1919–2006) ist einer der merkwürdigsten „Fälle“ des Nachkriegs­kinos: Er konnte nur fünf abendfüllende Spielfilme realisieren, von denen entwickelten sich allerdings drei – Kapò (1960), La battaglia di Algeri (1966) und Queimada (1969) – zu axiomatischen Werken ihrer Epoche(n). Dennoch blieb er eine Art Schemen der Kinogeschichte, eine Künstlergestalt, die als randständig und zugleich als vollendet begriffen werden kann: Seinen Werken eignet etwas Abgerundet-Vollkommenes, sie sind so perfekt gestaltet wie klug und konzis durchargumentiert.

Pontecorvos fein geschliffene Solitäre drehen sich um ein und denselben Themenkreis: Politik und Gewalt. Wie man mit Gewalt Politik macht; wie Politik Gewalt provoziert; was die Gewalt mit Menschen tut bzw. was Menschen in Extremsituationen gewillt sind, mit sich (und aus sich) machen zu lassen. Damit kannte sich Pontecorvo aus: Er lebte vom Winter 1942 bis Kriegsende im Untergrund, kämpfte mit den kommunistischen Partisanen und war beteiligt an der Organisation einer gemeinsamen Front zur Befreiung Italiens. Dementsprechend verweigern seine Werke unzulässige Verkürzungen; sie demonstrieren das Unlösbare der jeweiligen Problematik, unterstreichen aber immer wieder die situationsbedingte Notwendigkeit gewalttätiger Lösungen.

Der Sohn einer gutbürgerlich-jüdischen Industriellenfamilie aus Pisa blieb auch später dem Kommunismus treu – allerdings nicht der Partei, obwohl er den langjährigen PCI-Kopf Enrico Berlinguer zu seinen engsten Freunden zählte. Mit dem Journalismus, seinem ersten Beruf, hielt sich Pontecorvo weniger lange auf. Laut eigener Aussage verführten ihn Roberto Rossellinis Paisà und Nikolaj Ėkks Der Weg ins Leben zum Kino – zunächst im Bereich des Kurz­dokumentarfilms, der ihm eine gute Schule wurde.

Sein Langfilmdebüt La grande strada azzurra (1957) mit Yves Montand fällt sofort positiv auf. Kapò (1960), ebenso umstritten wie gefeiert, etabliert ihn als einen der bedeutendsten italienischen Regisseure seiner Generation. Den Zenit erreicht er mit dem Gewinn des Goldenen Löwen für La battaglia di Algeri (1966). Der ekstatisch-epische Revolutionswestern Queimada (1969) mit Marlon Brando beschert ihm einen letzten Kassenerfolg. Danach wird es für Pontecorvo fast unmöglich, Filme im Einklang mit seinen politischen Überzeugungen zu drehen. In Spanien, nach dem Sturz Francos, kommt noch einer zustande: Operación Ogro (1979) – eine heute fast vergessene Polit-Thriller-Version der Schlacht um Algier. Weder Pontecorvos Projekt über die Defenestration des Anarchisten Giuseppe Pinelli noch sein fabelhaft betitelter Jesus-Film I tempi della fine, in dem es um die frenetische Erwartung eines Heilsbringers gehen sollte, erwiesen sich als finanzierbar. So schwieg er und beobachtete, wie seine Werke weiter und weiter wirkten.


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