Theater

Picknick an der Front


Es wird zu einem ganz besonderem Picknick geladen: Der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wird mit einer Landpartie begangen.

Die Zuschauer erhalten Decken und volle Picknickkörbe und machen sich auf dem Feld bequem, das später als das der Ehre traurige Berühmtheit erlangen soll.

Dort treffen sie auf und essen mit Menschen der Zeit um 1914, die mit heutzutage kaum noch nachvollziehbarer Euphorie in den Untergang marschieren, angefeuert von patriotischen Schlagern aller Nationen, von ebenso bemerkenswert blutrünstigen wie naiven Gedichten der grössten Schriftstellern der Epoche, gesegnet von Feldkuraten aller Armeen. Aber auch die Stimmen der Spielverderber, wie Karl Kraus und Bertha von Suttner kommen zu Wort. Ein etwas anderer Beitrag zum Jubiläum des Beginns der "Letzten Tage der Menschheit".

Eine Collage über den Krieg, der alle Kriege enden sollte - zusammengestellt von Bruno Max.

KRITIK

Im Vorjahr haben wir in der Wiener Scala während der Französischen Revolution diniert – weshalb sollten wir also heuer nicht im Ersten Weltkrieg ein Picknick veranstalten? Andererseits wirkt es womöglich nicht gerade appetitanregend, sich dieses vierjährige Schlachtfest (bei dem allein im Deutschen Reich rund eine Dreiviertelmillion Menschen an Hunger gestorben ist) als Anlass zu einer kulinarischen Landpartie vorzustellen.
Karl Kraus hat einst die „Reklamefahrten zur Hölle“ angeprangert – so nannte er eine geschmacklose Tourismusveranstaltung, bei der in übelster Werbefahrt-Manier busweise Menschen zum Schlachtfeld von Verdun gekarrt wurden. Davon ist dieses „Picknick an der Front“ zum Glück weit entfernt, denn Hausherr und Oberbefehlshaber Bruno Max weiß schon, was er tut: er weist uns gleich zu Beginn mit entwaffnendem Wiener Schmäh, dessen Nähe zum Galgenhumor unüberhörbar ist, die richtigen Schemelplätze auf den Picknick-Decken zu. Jeweils vier Gäste müssen sich einen Verpflegungs-Koffer teilen, der tatsächlich Essbares (Tramezzini, Obst, Kuchen) und nicht etwa Flammenwerfer, Gasmasken oder Bajonettspitzen enthält. Niemand muss im Bombentrichter die Decke ausbreiten und die Gefahr, im Sandwich einen Granatsplitter zu finden, ist auch verschwindend gering.
Die aufwändige Szenerie stellt eine Mischung aus Schützengraben und Wurstelprater (inklusive Ringelspiel und Kasperltheater) dar – immerhin nimmt der Abend seinen Ausgang von der Kriegsausstellung im Prater. Max spricht dann auch gleich die Eröffnungssätze und tritt, wie all die anderen Darsteller, immer wieder in verschiedenen Rollen auf, sei es als Feldkurat oder Puppenspieler.
Das Programm hätte natürlich locker nur durch Kraus-Zitate bestritten werden können, doch so viel von diesem besten Gewährsmann in Sachen Weltkriegswahnsinn findet sich dann gar nicht im reichhaltigen Wortgemenge, das sich zusammensetzt aus Soldaten- + Protestliedern, Amtsschreiben, Kundgebungen, Pamphleten, Zeitungsausschnitten, Formulartexten, und als immer wiederkehrende Konstante lesen Soldaten aus authentischen Feldpostbriefen. Die Texte sind original und international, wie es sich bei den diversen kriegsführenden Nationen wohl von selbst versteht; darum wird auch immer wieder auf Englisch und Französisch gesungen und parliert. Nicht nur die einfachen Leute melden sich zu Wort: auch Dichter wie z.B. Gerhard Hauptmann oder Ottokar Kernstock dürfen hochtrabend-niederschmetternde Kriegslyrik absondern, während kritische Töne dank Erich Kästner oder Bert Brecht erklingen.
Außerdem absolviert das journalistische Flintenweib Alice Schalek einen Frontbesuch, und fast ganz zuletzt erhebt ein fanatischer Kriegsteilnehmer, vorübergehend durch Gelbkreuz erblindet, sein bürstenschnurrbärtiges Gesicht mit Seitenscheitel und schreitet bedrohlich Richtung Zukunft aus dem Saal. Obendrein wird das Geschehen noch um eine weitere wichtige optische Dimension bereichert, da die ganze Zeit hindurch auf einer Leinwand wechselnde Originalfotos und Propaganda-Plakate zu sehen sind.
War dieser Abend also ein erfolgreicher und würdiger Beitrag zum heurigen Gedenkjahr? Auf diese Frage kann man nur bestätigend mit dem Kopf picknicken.
franco schedl


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