Jazz

Pat Martino Trio


Von der bewährten Gentleman-Regel, dass man nach 17 Uhr keine braunen Schuhe mehr trägt, dispensierten ihn seine Fans liebend gerne: Solange sich Pat Martinos vertrackte Gitarrengrooves als makellos erweisen, darf er in Kleiderfragen auch Stilfehler begehen. Sein Gastspiel im Porgy & Bess stand im Zeichen eines heißen, aber überaus bekömmlichen Teestunden-Hammondorgeljazz, wie ihn Martino einst mit Orgelgranden wie Jack McDuff, Jimmy Smith und Jimmy McGriff spielte.

Tony Monaco, diesmal der Mann an den Tasten, wich modischem Urteil aus, indem er gleich in Socken auf die Bühne kam. Das hatte zudem den Vorteil, dass er bessere Fühlung mit den Pedalen bekam. Seine Hände arbeiteten bedrohlich klingendes Pfauchen aus dem Holzkasten. Über sein ein wenig an Mr. Bean gemahnendes Gesicht liefen die vielfältigen Grimassen der Emotion. Angestrengt versuchte er, dem Groove ein Gesicht zu schenken. Erwartungsgemäß gab sich derjenige, von dem die schärfsten Klänge kamen, stoisch. Auf diese Art hat Pat Martino auch sein schweres Schicksal gemeistert. Der 1944 geborene Martino, schon als 12-Jähriger in den Clubs von Philadelphia als Wunderkind der Jazzgitarre Herumgereichte, erklomm den Olymp des Jazz sehr früh.

Ein zweites Mal Gitarre spielen gelernt

Zwischen zwei Songs erzählte er von seinem Mentor Les Paul, von frühen Begegnungen mit Granden des Sechzigerjahre-Groove-Jazz. Nach der Nachtschicht in New Yorker Clubs wie dem Small's Paradise oder dem Count Basie's ging es nicht selten zum gemeinsamen Frühstück mit den Gitarristenkollegen Grant Green, Wes Montgomery und George Benson. Dass Martino wieder solche Erinnerungen hat, grenzt an ein Wunder. 1980 wurde er an zwei Gehirnaneurysmen operiert und verlor große Teile seines Gedächtnisses. Er musste ein zweites Mal Gitarre spielen lernen. Seine wieder bestechende musikalische Individualität erkämpfte er sich zunächst mit Mimikry-Methoden. Er lauschte seinen Alben und spielte die eigenen Soli nach.

Es folgte ein nicht mehr zu erwarten gewesener kreativer Höhenflug, der in Arbeiten wie „Stone Blue“, „Think Tank“ und „Remember“ gipfelte. Aus „Remember“, seiner superben Hommage an den jung verstorbenen Wes Montgomery, entbot Martino an diesem Abend den dynamischen „Twisted Blues“.

Noch eindrucksvoller war seine innige Adaption von Thelonious Monks „'Round Midnight“. Größtenteils konzentrierte sich Martino aber auf seine eigenen, lebhaften Kompositionen, die geschmackvoll innerhalb der Grenzen eines flamboyanten Soul-Jazz blieben. sam

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2009)


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