Kabarett

Passauer Saudiandln - "De Männer hams guad"


Gestern im Fraunhofer in München die Passauer Saudiandln mit ihrem neuen Programm.

Phänomenal. Zugaben ohne Ende.

Barbara Dorsch und Gerlinde Feicht sind die Passauer Saudiandln (passauersaudiandln.de). Seit über 30 Jahren musizieren sie zusammen. Sie singen Gstanzln mit einer musikalisch und inhaltlichen Bandbreite, die ihresgleichen sucht. Vom Blues und Boogie über den Swing, vom Hip-Hop und Scatten über Hochpoetisch bis zum Jodeln und Volkstümlich und tief Niederbayrisch oder gar richtig Krachert. Sie selbst nennen sich „späte Mädels“ - je später der Abend...

Ihr neues Programm heisst DIE MÄNNER HAMS GUAD. Die Kostümierung im ersten Teil ist clownesk/folkloristisch. Die Dorsch in schwarzer Hochwasserhose mit Hosenträgern, deren Schnallen wunderbare Scheinwerfereffekte zurückblinken lassen, weisses Hemd, schwarze Söckchen und braune Schuhe als reduzierter Hinweis auf Clownsschlappen; entsprechend in kurzen Momenten der Gang, ein Hauch Chaplin; als Gegenstück, wie ein Porzellanfrauchen aus dem Bauernwetterhäuschen, was bei schön Wetter rauskommt, die Feicht im adrett blauen Röckchen (formuliert sich im Moment eines kleinen Knicks auch elegant höfisch), es scheint, sie kann kein Wässerchen trüben, eitel blauer Himmel bis zu dem Moment, wo sie energisch in die Trittbrett-Dreschen stampft oder als vollkommenes Wetterfigürchen in „Klima-Kultour mon Amour“ vor lauter Klimaschock das Wetter nur noch ankündigen kann wie die Schallplatte mit dem Sprung, reduziert auf schiere Mechanik, – wenn sie denn nicht die Dorsch mit traumsicherer Einfühlung auf dem Akkordeon begleitet.

Anfangen tun die beiden volkstümlich mit einem grandiosen Jodler „Triulio“, da zeigen beide, dass sie das Genre aus dem Effeff beherrschen (wie einsten Gulda seinen Beethoven, der nach der Pflicht zur Kür des Experimentellen überzugehen pflegte). Es geht weiter mit einem Kuhdreck im Dialekt, was sich damit so alles für Geschäfte machen lassen. Auch dass die dümmsten Bauern die grössten Kartoffeln haben, ist zwar eine alte Weisheit, kommt aber erfrischend neu. Die Differenz von Portemonnaie und Potpourri kann sich zu clownesk-artikulatorischen Wortartistik auswachsen. Was ist Patschen? Richtig, hört sich an wie Watschn, ein Knaller. Doch noch hält sich die Dorsch mit Röhren zurück, denn erst wird aktuell politisch Mario Draghi, der Chef der EZB, darum gebeten, doch dem Euro ´nen Blow-Job zu verpassen, Draghi sagi. Dieser Text wird musikalisch ins Lyrische gewunden, was ihn nur noch grotesker erscheinen lässt; hier geben sich musikalische Hoch- und PopulärKultur die Hand. Darauf folgt, hoffentlich keine Europrognose, die bange Frage, was tut der Wasserfall, wenn er nicht fällt. Und Gerlinde wird in betörender Schlichtheit das Lied vom armen Mädel vortragen, das stirbt, bevor die Saudiandln sich mit Wiener Geraunze vom Können, Wollen, Sollen, Dürfen, Tun in die Pause verabschieden.

Zurück kommen sie festlicher, die Dorsch im Frack mit Bauchbinde und die Feicht im nicht ganz langen Schwarzen mit schöner Borte am Saum. Das Festliche des Kostüms wird konterkariert durch die Anspielung auf die Hüftstütze, durch ein faszinierend-gekonnt gekrächztes Lied vom Elend des „Keiner mag mich“, durch gesangliche Besichtigung der Duttelgruam (der kleine Einschnitt da vorn), textliche Rotlicht-Hinweise, intime Geschichten zu einem prekären Thema (Mutter war Beamtin), das krokodilstränige „wenn I meinem Alten a Busserl gib“, über die Anopheles-Mücke in Niederbayern zum „des interessiad mi ned“ (antwortete der LKW-Fahrer auf den Einwand eines Ladenbesitzers in der Sendlinger Strasse, vor dessen Tür er eine Tonne Dreck deponiert hatte) und das Delirium Finale.

Womit die Saudiandln auch im zweiten Teil beweisen, dass sie die hohe Kunst des Gstanzl-Singens begreifen und beherrschen als ein irrsinnig breites Spektrum von Todtraurig-Poetisch bis Hemmungslos-Expressionistisch. Nur der Hund versteht alles, heisst es denn auch in einem der Lieder.


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