Theater

Othello


Ganz Venedig tuschelt über die neue Beziehung seines erfolgreichsten Kriegshelden, des afrikanischen Generals Othello mit der schönen Patriziertochter Desdemona.

Rassenschande? Vergewaltigung? Nein, eine große und ehrliche Liebe, die bereits heimlich durch eine Heirat legitimiert wurde. Mit seiner jungen Frau zieht Othello ins Feldlager nach Zypern. Doch der Beengtheit der belagerten Insel, mündet die Missgunst seiner Umgebung, vor allem seines Mitkämpfers Iago, der sich um den Posten des Stellvertreters betrogen glaubt, in eine machtvollen Intrige, der sich der sonst zu souveräne Othello hilflos gegenüber sieht: Seine Eifersucht wird solange geschürt, bis sie in eine Katastrophe mündet.

Die letzte große Tragödie Shakespeares, die bisher noch nicht in unserem Theater gezeigt wurde, passt perfekt in unsere Gegenwart: Es ist nicht nur die Geschichte eines Fremden, dem durch seine Herkunft und sein Anderssein es unmöglich gemacht wird, ganz einfach nur er selbst zu sein, und der zur Projektion der Ängste und des Neids seiner Gegner wird, es ist in weit größerem Maße die subtile Geschichte zweier Paare, Othello und Desdemona, Iago und Emilia, deren Schicksal durch Liebe und Eifersucht auf verschiedenste Weise miteinander verknüpft ist und sie am Ende vernichtet. Es ist weniger das Drama einer manischen Eifersucht als das einer rückhaltlosen Liebe, die, in ihren Grundlagen erschüttert, in Chaos umschlägt.

Tragödie von William Shakespeare
Inszenierung: Bruno Max

KRITIK

Der letzte Shakespeare im Theater zum Fürchten? Zumindest ist ‚Othello‘ das letzte große Drama des Briten, das Hausherr Bruno Max noch nicht an seiner Bühne inszeniert hatte. Es spricht ja für sein gutes Herz, dass er Desdemona so lange am Leben lassen wollte. Diesmal ist es aber endgültig um sie geschehen! Gespielt wird das weibliche Opfer der geschickt eingefädelten Intrige von einer großartigen Selina Ströbele: ihre Desdemona ist das berührende Beispiel einer selbstbewussten jungen Frau, die von euphorischer Liebesseligkeit in blanke Verzweiflung kippt.
Disco-Klänge zu Beginn machen gleich unmissverständlich klar, dass wir es mit einer modernen Interpretation zu tun haben. Max hat das Stück, hervorragend stimmig umgesetzt, in der Gegenwart angesiedelt. Einige Dinge werden sich aber, allen Modernisierungen zum Trotz, nie ändern: Auch in dieser Fassung will Othello vor seiner schrecklichen Tat von Desdemona wissen, ob sie ihre Seele religiös erleichtert hat (obwohl diese Praxis heutzutage eher abwegig erscheint). Hauptschauplatz ist ein Militärstützpunkt auf Zypern, wo eine raue Söldenratmosphäre herrscht und die Streitkräfte in Container-Baracken untergebracht wurden. Dort wird Othellos Eifersucht durch Jagos perfide Einflüsterungen angestachelt, was etlichen Personen das Leben kostet. Die Fantasieuniformen der Darsteller weisen übrigens das Zeichen eines geflügelten Löwen auf; das soll keine Werbung für eine bekannte Versicherungsgesellschaft sein, sondern als Emblem für die venezianischen Streitkräfte gelten.

Ein wahrer Glücksfall ist der gebürtige Hamburger Tino Führer: Max hat nämlich endlich mit der Praxis gebrochen, für die Hauptrolle einen Mann zu wählen, der erst durch Theaterfarbe für einen mehr oder weniger abgedunkelten Zustand seiner Haut sorgen muss. Der schwarze Schauspieler weist nicht nur eine beeindruckende Statur auf, die ihn für die Rolle des Heerführers prädestiniert, sondern verfügt über eine wunderbare Sprechtechnik und erstaunliche Wandlungsfähigkeit. Erst tritt er als überlegener Stratege in Erscheinung, der mit klarer Diktion immer den Überblick zu behalten scheint; doch bald ist der mächtige Kriegsherr hilflos seinen Liebeszweifeln ausgesetzt und steigert sich in rasende Zornesausbrüche hinein, die in einem epileptischen Krampfanfall gipfeln.
Alexander Rossi wirkt als Jago gerissen und brutal: mit sardonischem Vergnügen legt er seine Fallstricke und senkt die vergiftenden Worte in Othellos Seele. Zugleich wird aber deutlich, wie sehr er selber ein Zerrissener und Verletzter ist, der einst ebenfalls zum Opfer einer Eifersuchtsintrige wurde. Christina Saginth agiert in ihrer Rolle als seine Frau Emilia anfangs eher zurückhaltend, hat aber dann ein starkes Finale: immerhin gibt sie, ohne es zu wollen, den Anlass zur tragischen Entwicklung des Geschehens und leistet zuletzt einen wesentlichen Beitrag zur Entlarvung des Manipulators, wofür sie mit ihrem Leben büßt.
Dank Tino Führer und einem herausragenden Ensemble hat uns Bruno Max einen Othello geboten, wie man ihn sich idealerweise vorstellt, aber kaum jemals zu sehen bekommt.

franco schedl


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