Klassik

Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI


Wir schreiben das Jahr 1975: Semyon Bychkov emigiert aus der UdSSR in die Vereinigten Staaten, wo ein Sänger mit dem bezeichnenden Namen Eric Carmen gerade – (tantiemen)frei nach dem 2. Satz von Rachmaninoffs 2. Klavierkonzert – an seiner ersten Erfolgssingle («All by Myself») bastelt, während Pink Floyd in den Londoner Abbey Road Studios ihr Kult-Album «Wish You Were Here» aufnehmen und dabei auch – für einen flüchtigen Moment – das Finale von Tschaikowskys 4. Symphonie anklingen lassen … Schostakowitschs Todesjahr schwebt wie ein geheimes «Peace»-Zeichen über dem Programm, das Semyon Bychkov für das Gastspiel des Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai mit dem Pianisten Kirill Gerstein zusammengestellt hat. In den süßlich-herben Opium-Duft mondäner Salons des 19. Jahrhunderts mischen sich würzige Cannabis-Wölkchen und hinter den kiloschweren Samtvorhängen winken leicht geschürzte Blumenkinder hervor.
Sowohl Tschaikowsky als auch der 33 Jahre jüngere Rachmaninoff stehen – wie später vielleicht nur noch Strawinski – für ein kosmopolitisches, weltoffenes Russland jenseits des musikalischen Ultrakonservatismus des «Mächtigen Häufleins». Wie herzlich wenig freilich die Moral von 1875 mit der hundert Jahre später Einzug haltenden Flower-Power zu tun hatte, davon kann aber insbesondere Tschaikowsky ebenfalls ein Lied singen: die auch als seine «Tragische» apostrophierte 4. Symphonie etwa ist Klang gewordener Schmerz eines Menschen, der wegen seiner Homosexualität sein Leben lang mit Depressionen zu kämpfen hatte, mit der Gesellschaft haderte und mit dem eigenen Unglück.
Dass Rachmaninoffs populäres 2. Klavierkonzert in das von apokalyptischen Fanfaren und flatterndem Streicherpuls gezeichnete Antlitz dieser Symphonie nicht wie eine pianistische Schmalzlocke hineinragt, dafür sorgt unter Garantie Kirill Gerstein. Ausgebildet zunächst am Jazz-Piano, ehe er die Klassik favorisierte, wird der russische Tastenvirtuose dem Stück den nötigen Bürstenschnitt verpassen und es als eine vitale Spiegelung europäischen Geistes in der Musikgeschichte Russlands erkennen lassen.


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