Theater

Onkel Wanja


Die Liebe, das Geld, die Vergeblichkeit. Die Klassischen Themen Tschechows in seiner wohl menschlichsten Meisterkomödie.

Gott ist gnädig. Gegen Kummer hilft Lindenblütentee. Das Leben tut fast gar nicht weh, draußen am Land in der russischen Provinz, wo Iwán Petrówitsch Wojnízkij - oder „Onkel Wanja“, wie ihn seine Nichte Sonja nennt - seit fünfundzwanzig Jahren das Landgut seiner verstorbenen Schwester verwaltet. Sein eigenes Erbteil hat er dafür aufgegeben, jung ist er auch nicht mehr, und die bescheidene Existenz wird immerhin aufgelockert durch die Besuche des ebenso unterhaltsamen wie vom Leben enttäuschten Alkoholikers und Bezirksarztes Dr. Àstrow, den seine Nichte heimlich verehrt. Doch dann kommt aus Moskau Sonjas Vater, der Professor, welcher bis jetzt von den Erträgen des Gutes gelebt hat, zusammen mit seiner neuen zweiten Frau, der außergewöhnlich schönen Jeléna, und bringt nicht nur mit seinen fragwürdigen neuen Plänen Unordnung in die fragile Idylle…

Inszenierung: Rüdiger Hentzschel

KRITIK
In der Wiener Scala ist gerade ein Onkel aus Russland zu Besuch. Offenbar ein etwas schwieriger Charakter: ein unzufriedener, geradezu misanthropischer Mensch, der verpassten Chancen und Lebenshoffnungen hinterhertrauert – und unglücklich verliebt ist er obendrein. Da es sich bei ihm aber um eine Tschechow´sche Figur handelt, kann er seiner üblen Laune auf sehr beredte, mitunter sogar tragikomische Weise, Ausdruck verleihen (und manche Sätze machen uns schlagartig klar, welch guter Lehrmeister Tschechow für Thomas Bernhard gewesen sein muss).
Zur selbstgewählten Untätigkeit verdammt, kostet Dirk Warme in der Titelrolle zungenfertig die Tristesse des Landlebens aus. Doch Onkel Wanja ist nicht der Einzige, den das Dasein enttäuscht. Auf dem russischen Landgut, das er bewirtschaftet, machen auch alle anderen Anwesenden keinen sehr glücklichen Eindruck. Einzig Margot Ganser-Skofic tritt als alte Kinderfrau richtig sympathisch in Erscheinung – so eine Erzieherin voll resoluter Herzensgüte hätte sich jeder von uns einmal gewünscht.
Rainer Friedrichsen hingegen spielt den umtriebigen Professor Serebrjakow als lebensmüden wehleidigen Quälgeist, der seine Umgebung mit angeblichen rheumatischen Beschwerden belästigt und die viel jüngeren Ehefrau terrorisiert. Diese Jeléna muss zudem mit dem Misstrauen ihrer Stieftochter fertig werden, fühlt sich verwirrt, weil Wanja sie offen unwirbt und glaubt obendrein, in dieser Umgebung eine bloße Randfigur zu sein – eine Befürchtung, zu der die Darstellerin Selina Ströbele nun garantiert keinen Grund hat.
Rainer Doppler erscheint als Arzt zunächst als positive Figur: er hat Ideale, setzt sich für Umweltschutz ein und scheint tatsächlich etwas bewirken zu können, doch sobald ihm der Alkohol die Zunge löst, offenbart auch er den Lebensüberdruss.
Jeder von ihnen wird durch die Macht der Verhältnisse gelähmt und keiner findet die Kraft, daran aus eigenem Antrieb etwas zu ändern. Sogar der Samowar gibt in dieser matten Atmosphäre nur lauwaren Tee von sich. Die Figuren leben wie in einem Gefängnis und Regisseur Rüdiger Hentzschel, dem wir auch die Raumgestaltung verdanken, hat sich etwas Eindrucksvolles ausgedacht, um das zu visualisieren: eine Stuhlbarriere. Imposant übereinandergetürmte Sitzgelegenheiten rahmen nämlich die Bühne ein und errichten einen Bannkreis des Privaten.
Hoffentlich spricht sich in Familienkreisen bald herum, dass sämtliche Onkel, Tanten und sonstige Verwandten hier erfahren können, welch einen anregenden Theaterabend russische Schwermut ergibt.
franco schedl


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