Theater

Oberst Redl - Ein Patriot


Wenige Ereignisse vor den Schüssen von Sarajewo haben so entscheidend zum Untergang der Donaumonarchie beigetragen wie der Spionagefall des legendären Oberst Redl. Was macht aus einem ehrgeizigen und begabten Patrioten einen Hochverräter?

Wien um 1900, ein Ballsaal in einem herrschaftlichen Palais: Große Roben, klassische Musik, Champagner wird serviert, die Dame des Hauses dirigiert mit dem Fächer bizarr kostümierte Schönheiten durch den Raum. Erst langsam wird klar: Im pompösen Ballkleid der Gastgeberin steckt ein Mann, auch den anderen Damen wachsen drahtige Schnurrbärte – wir befinden uns auf einem Tuntenball, die „Damen“ sind Offiziere der Kaiserlichen Armee. Inmitten dieser Gesellschaft steht in voller Uniform Alfred Redl, k.u.k. Geheimdienstchef und selbst homosexuell, ein Außenseiter unter Außenseitern.

John Osborne (Blick zurück im Zorn, Der Entertainer) erzählt ohne Tabus die Stationen des Lebens- und Leidensweges des Topspions abseits jeder Monarchieromantik und legt die Verlogenheit und Brutalität einer Gesellschaft frei, in der ein Außenseiter keine Chance hat, selbst wenn er das unehrliche Spiel und die Doppelmoral seiner Umgebung zu verinnerlichen versucht. Er rückt Redls Homosexualität in den Mittelpunkt und macht aus dem historischen Stoff eines seiner reichhaltigsten Stücke: einen Polit-Thriller über das schillernde Leben eines Nonkonformisten, eine tragische Parabel über Ausgrenzung, Repression und die Verquickung von Eros und Macht.

Von John Osborne
Deutsch von Maximillian Schell

Inszenierung: Bruno Max

KRITIK
In der neuesten Inszenierung des ‚Theater zum Fürchten‘ – zweifellos ein Höhepunkt der heurigen Saison - bekommen wir unter Bruno Max‘ Regie zwar viele Männer in K.u.k.-Uniformen zu sehen, manche von ihnen würden aber sicher lieber Frauenkleider tragen, was freilich in Zeiten der Donaumonarchie noch schwerwiegende Konsequenzen nach sich gezogen hätte.
Mit dem Namen Redl verbinden wir automatisch einen großen Spionageskandal am Vorabend des Ersten Weltkrieges, doch in John Osbornes Stück steht nichts sensationell Kriminelles im Vordergrund. Sein Interesse gilt vielmehr dem Innenleben jenes Mannes, der aus einfachen Verhältnissen stammend, eine beeindruckende Karriere im Militärdienst machen konnte und doch niemals richtig dazugehörte oder glücklich wurde, weil ihn seine sexuellen Vorlieben zu einem Versteckspiel zwangen. Dabei bedient sich Osborne einer ganz speziellen Darstellungsweise: in der ersten Stückhälfte, die Redl damit verbringt, seine Neigungen vor sich und der Mitwelt verborgen zu halten, ist er uns menschlich wesentlich näher und gibt auch – meist im Gespräch mit Frauen – wichtige Aufschlüsse über sein Innenleben. Nachdem er das sogenannte Coming Out erlebt und zugleich den Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn erreicht hat, wird die Figur für uns immer unnahbarer und wir sehen ihrem Handeln sozusagen nur noch durch die Augen anderer zu. Die Spionageaffäre wird dabei bloß am Rande abgewickelt und drängt sich im letzten Drittel geradezu zeitrafferhaft zusammen; auch Redls Enttarnung und sein erzwungener Selbstmord erfolgen fast beiläufig, als letzte Konsequenzen eines tragischen Lebens.

Christian Kainradl macht uns mit seinem differenzierten Spiel all diese oft widersprüchlichen Facetten der komplexen Hauptfigur nachvollziehbar: hinter der verbindlich-angepassten Oberfläche eines Monarchisten liegen Verzweiflung, Hingabefähigkeit und unerwartete Härte, denn Redl ist zugleich ein Mann, der seine Machtposition manchmal mit geradezu sadistischer Lust auszunützen versteht.
Außerdem verdienen diesmal drei Darsteller besonders hervorgehoben zu werden, die bisher an der Wiener Scala noch nicht zu sehen waren: Peter Moucka ist als meist jovial auftretender Oberst mit jedem Zoll ein altösterreichischer Militarist und man würde erwarten, dass er nach der Vorstellung ins Offizierscasino reitet; während Rainer Doppler als sein genaues Gegenteil in der Rolle eines russischen Geheimdienstchefs durch polternde derbe Direktheit ebenso überzeugt. Als besonderer Ehrengast tritt Günter Tolar in Erscheinung: er unterhält uns meisterhaft in Gestalt eines kauzigen Barons und wird zum Urheber eines exzentrischen Festes, das wie eine exklusive und streng geheime Vorläuferveranstaltung des heutigen Life Balls wirkt. Nur Conchita Wurst konnte Bruno Max nicht verpflichten. Aber wir wollen es nicht übertreiben – in diesem Fall war der Doppeladler wesentlich angebrachter als ein Phönix.

franco schedl


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