Diverse Musik · Theater

Netzzeit


Seit 30 Jahren produziert netzzeit Theater, seit 27 Jahren Musiktheater der Gegenwart und seit 11 Jahren Wiens Festival für Neues Musiktheater OUT OF CONTROL. Dem Reflex einer „Jubiläumsveranstaltung“ ziehen wir die Reflexion vor.

Unser Thema bei 2015 OUT OF CONTROL ist „Wunsch und Wirklichkeit“, die derzeit überall weit auseinander klaffen: Der Wunsch der EuropäerInnen ist ständiges materielles Wachstum, ein zufriedenes Dasein auf Basis eines nie enden wollenden Stromes von Ressourcen und Konsumgütern. In Wirklichkeit ist es mit dem Wachstum vorbei und schon seit dessen besten Zeiten, den 60-ern, blieb der Prozentsatz der zufriedenen MitteleuropäerInnen unverändert.

„urbo kune“ – heißt „Stadt gemeinsam“ auf Esperanto: Eine Hauptstadt für Europa als Projektionsfläche, um der Antwort auf die Frage nach dem geeigneten künftigen Zusammenleben aller Menschen, ohne Vernichtung durch Krieg oder Verschwendung aller Ressourcen, näherzukommen. Es ist ein zutiefst interdisziplinäres Projekt mit dem Klangforum Wien, ein 25-stündiger Dialog mit KünstlerInnen aller Sparten, WissenschafterInnen und PolitikerInnen, die an Zukunftsentwürfen arbeiten. Wir hoffen, für 25 Stunden eine neue Atmosphäre des Zusammenlebens zu schaffen, die eines Tages permanente Realität sein wird.

Der Wunsch der EuropäerInnen ist ein Leben in Sicherheit, während sie in der sichersten aller Welten, die es je gab, leben. In Wirklichkeit steigt die Angst mit wachsender Sicherheit.Klaus Schedl fragt: Was ist das für eineAngst, die da wächst? Herrscht Krieg wirklich „nur“ an den Rändern Europas und auf anderen Kontinenten oder tobt ein unsichtbarer Krieg mitten in Europa – oder noch näher: In unseren Köpfen und Herzen? Seine naturgewaltige Musik tritt in Dialog mit der Choreographie von Christine Gaigg, in einer Koproduktion mit ImPuls Tanz– Vienna International Dance Festival im Juli.

Der Wunsch der EuropäerInnen sind PolitikerInnen, die für die Menschen da sind. In Wirklichkeit sind PolitikerInnen nur mehr für ein System da, das keinem Menschen nützt. Das thematisiert eine satirische Oper, die wir gemeinsam mit WIEN MODERN im November 2015 zeigen: „Whatever Works“. Das Libretto, das Dimitré Dinev zwei Karrierefrauen in den Mund geschrieben hat, zeigt, wie man Katastrophenhilfe zur Karrierehilfe umfunktioniert. Manuela Kerer und Arturo Fuenteslassen das Ensemble Phace erklingen und bringen Sarah Maria Sun, Shira Karmon u.a. zum Sprechen, Singen, Seufzen, Schluchzen, Stöhnen und Schreien.

Der Wunsch der EuropäerInnen ist es, die Vergangenheit zu bewältigen. In Wirklichkeit lebt sie auf manchmal groteske Art und Weise fort und ist auf ganz ungewöhnliche Art auch noch vom Enkel zuabzuarbeiten. Ernst Kurt Weigel schrieb den Text KZ.IMAGINAIRE über seinen hypochondrischen Großvater, der das KZ-Dachau überlebte, in Anlehnung an den Eingebildeten Kranken von Molière. Der lange Abschied am Totenbett gerät zu einem makaber-witzigen Durchleben der Zeiten, die die ganze Welt zerrütteten, aber Großvater und Enkel eng verbunden hielten. Der Komponist b.fleischmann wird die „haarsträubend intelligente Klamotte“ in ein Stück Musiktheater verwandeln.

Wir freuen uns auf viele Begegnungen und bieten Ihnen bei 2015 OUT OF CONTROL von Mai bis November über 130 Stunden Musiktheater in Österreich, Deutschland und Holland, bei denen wir Sie unterhalten und Ihre Weltwahrnehmung um ein paar interessante Facetten bereichern wollen.
Mit herzlichem Gruß, Michael Scheidl


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