Film

Nach Indien! Projektionen aus Europa und Amerika


Asien war immer schon die liebste Projektionsfläche westlicher Filmemacher: Ihre Phantasien vom Fremden, Exotischen suchten und suchen ein Dasein, das sich in jeder Hinsicht von dem uns bekannten und akzeptierten unterscheidet. Indien nahm dabei einen besonderen Platz ein: Einerseits war es ganz offensichtlich eine alte Hochkultur, andererseits als einziges der asiatischen Großreiche auch lange dem Willen einer europäischen Macht, dem britischen Empire unterworfen. Es schien, als lägen nirgendwo auf der Welt die Unterschiede zwischen Kulturen und Klassen so offen und ­unversöhnlich nebeneinander da wie in Indien; nirgendwo sonst konnte man aber auch so genau beobachten, wie sich die Dinge manchmal ganz langsam verändern, ineinander verschmelzen, ­etwas Neues, Außerordentliches werden.

Nach Indien! präsentiert rund 25 Filmbeispiele aus der Zeit nach 1947, als Indien seine Unabhängigkeit gewann. Es sind Werke einer großen Spannweite: von Roberto Rossellinis und Pier Paolo Pasolinis berühmten Essayfilmen der 1950er und 60er Jahre bis zu einem der bestechendsten US-Independents der Gegenwart, Chris Smiths The Pool. Von den Indien-Visionen Fritz Langs, der seine zutiefst germanischen Orient(alisten)träume 1959 im Studio erbauen ließ, bis zu Marguerite Duras’ nicht weniger „unrealistischem“, eisig-sinnlichem Farbdelirium India Song. Immer wieder besuchten westliche Filmemacher das Land, um sich selbst wieder zu finden – oder neu zu erfinden, so etwa Louis Malle mit seiner Cinéma-vérité-Kakophonie Calcutta oder zwei Dekaden später Alain Corneau mit seiner kongenialen Antonio-Tabucchi-Adaption Nocturne indien. Beiden war klar, dass sie in diesem Land auf Eindrücke stoßen mussten, deren Fremdheit sie zu einer intensiven Selbstbefragung zwingen würde.

Gemein ist allen diesen Projektionen, dass sie offenen Auges in ihr Zerschellen rennen – Indien, das reale wie das ersehnte, verlässt offenbar niemand so, wie er kam. Rar sind die Beispiele für ein Gefühl von Gemeinsamkeit, wie etwa James Ivorys Shakes­peare – Wallah, der 1965 neben Satyajit Rays Charulata Indien bei der Berlinale vertrat. Autorin von Ivorys Film(en) war die heuer verstorbene Kölnerin Ruth Prawer Jhabvala, die in Indien, ihrer wichtigsten Lebensstation, lange für eine Einheimische gehalten wurde. Sie zählt zu jenen literarischen Grenzgänger/inne/n, deren Schaffen als Vorlage für manche Schlüsselfilme dieser Reihe ­diente – darunter etwa John Masters (Bhowani Junction von George Cukor) oder Rumer Godden (Black Narcissus von Michael Powell & Emeric Pressburger und The River von Jean Renoir). Dass Masters – lange verschrien als Apologet des Kolonialismus – einige der exaktesten Darstellungen des ostwestlichen Raj-Miteinanders lieferte, ist nur ein Beispiel für die Komplexität der Verhältnisse, die hier exemplarisch erkundet werden sollen.


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