Theater

Muttersprache Mameloschn



„Ich möchte etwas tun für die Welt, haben sie eine Verwendung für mich?“ - In dem virtuosen, mit Sprachwitz und Tempo geladenen Text der jungen Autorin Sasha Marianna Salzmann geht es um Frauen, die über Frauen sprechen.

Um drei Generationen jüdischer Frauen, die sich an der unmöglichen Möglichkeit des gegenseitigen Verstehens abarbeiten. Aus der Perspektive der ungefähr dreißigjährigen Rahel wird die auf einer wahren Begebenheit konstruierte Familienkomödie aufgespannt. Dreißig, ein Alter in dem sich Menschen so einiges fragen, in dem Biografie konstruiert wird – ein Wendepunkt, ein Abschluss und ein Anfang.

In der Inszenierung konfrontieren vier Spielerinnen – ebenfalls Mitte dreißig – Salzmanns Text mit der Frage nach unterschiedlichen Feminismen und historischer politischer Verantwortung. Sie befragen die Biografien einer Holocaustüberlebenden (Lin), ihrer Enkelin (Rahel) und deren in der DDR aufgewachsenen Mutter (Clara). Dem Stück eingeschriebener, handlungstragender Ort ist Claras Wohnung, in die Lin gezogen ist und in die Rahel immer zurückkehren kann. Politische Themen wie ein Leben in der Diaspora werden dort im Privaten verhandelt. Der Sehnsuchtsort Großstadt ist als darüber liegende räumliche Klammer immer präsent: Lin, die in Ostberlin für eine sozialistische Revolution gekämpft hat, Clara, die – wenn auch in Ablehnung – davon nie weggekommen ist und Rahel, die in New York das Weite sucht.

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Rahel ist Identifikationsfigur für eine Generation, die mit einer sogenannten “Post-Holocaust-Mentalität“ aufgewachsen ist und nach Antworten sucht, die es so einfach nicht gibt. Salzmann spiegelt die Zerrissenheit ihrer Generation, die Immersion zwischen Privatem und Politik, auf drastische und humorvolle Weise wider. Dabei wird einem auch mal eindringlich und unverschämt die Frage „Und warum scheint mir mein Sexualleben gerade eben relevanter als der Nahostkonflikt?“ ins Gesicht geworfen.

Die Spielerinnen wechseln zwischen den Figuren, schlüpfen abwechselnd in die drei Biografien und arbeiten sich sprachlich, gesanglich und physisch an möglichen Identitäten ab. Sie lassen keinen Stein der Biografien auf dem anderen. Es geht nicht darum, Geschichte zu verstehen und sie damit ad acta zu legen, sondern um einen alternativen Versuch, der Geschichte näher zu kommen und sie damit in die Gegenwart zu katapultieren. Überholte Begriffe und Denkmuster sollen gestürzt und neu geschrieben werden.

Salzmann beschreibt es als die Pflicht ihrer Generation immer weiter Fragen zu stellen und gleichzeitig ein Verständnis dafür zu kreieren, dass man über gewisse Dinge nicht reden kann und will. Die Inszenierung verwebt die im Stück festgeschriebenen Verweise und Zitate zu Musik mit Sprechchorpassagen und mehrstimmigem Gesang, komponiert (bis auf „Runs in the Familiy“ von Amanda Palmer) und live gespielt von Jelena Popržan. Mit Bratsche, Schlagwerk, Looper und Stimme werden sprachliche und musikalische Überlagerungen geschaffen, die den Konflikt der Figuren deutlich machen: Sie alle haben recht und gleichzeitig so unrecht, verstehen und verstehen nicht, begreifen und gehen verloren.


Künstler

  • Mi., 21.02.2018

    20:00
  • Do., 22.02.2018

    20:00
  • Fr., 23.02.2018

    20:00
  • Sa., 24.02.2018

    20:00