Theater

Moonlight and Magnolias


Hollywood 1939: Produzent David O. Selznick hat die Rechte für den erfolgreichsten Roman seiner Zeit erworben und plant aus dem 600-Seiten-Wälzer den größten Film aller Zeiten zu machen: Vom Winde verweht.

Clark Gable und Vivien Leigh sind schon besetzt, eine ganze Filmstadt ist gebaut, die Presse hat Blut geleckt, viel Geld wurde investiert: der Streifen muss einfach der Jahrhundert-Erfolg werden. Doch bereits nach wenigen Drehtagen ist Selznick mit seinen Nerven am Ende und schmeißt den Regisseur sowie das ganze kreative Team wegen Unfähigkeit hinaus. Nun droht die Jahrhundert-Pleite: Er braucht in Rekordzeit ein neues Drehbuch und einen neuen Regisseur! Rettung naht in Gestalt von Starregisseur Victor Fleming und Ben Hecht, Hollywoods bestem Drehbuch-Autor. Doch leider hat dieser den Roman weder gelesen noch überhaupt Lust, sich mit diesem „Mondlicht- und Magnolien-Kitsch“ näher zu befassen während in Europa der Zweite Weltkrieg vor der Tür steht. Also greift der Produzent zu drastischen Mitteln: er schließt sich, Fleming und Hecht fünf Tage lang in seinem Büro ein. Ob es an ihrer ausschließlichen Bananen- und Erdnüsse-Diät liegt oder am zunehmendem Wahnwitz der Tag- und Nacht dauernden Drehbuchsitzung: Selznick und Fleming schreien, lieben, prügeln, krampfen und gebären sich den Inhalt des Buches Szene für Szene fünf Tage lang aus Leib und Seele, um Hecht ein Drehbuch abzuringen. Sie übernehmen alle Rollen gleichzeitig – und wer hätte gedacht, dass im jüdischen Hollywoodmogul eine kokette Südstaatenschönheit schlummert oder der abgebrühte Fleming als naives Sklavenmädel auf dem Boden wälzen kann? Am Ende sind alle drei mehr durch den Wind als „Vom Winde verweht“…

Ron Hutchinsons rasantes „Making Of“ der legendären Südstaatenschnulze ist ein so unglaubliches und aberwitziges Szenario, dass es glatt-weg erfunden sein könnte – aber genau so wird die Story in Hollywood noch heute ehrfürchtig erzählt. Ganz großes Kino eben!

Inszenierung: Marcus Ganser.



KRITIK



So unterhaltsam kann Filmgeschichte sein! Man sollte es nicht glauben, da Studiobosse normalerweise nicht im Ruf von hohen Geistesgaben oder Schlagfertigkeit stehen. Produzent David O. Selznick bildet da eine Ausnahme, denn zumindest in Ron Hutchinsons „Moonlight & Magnolias“ – einer Liebeserklärung an die untergegangene Welt der alten Hollywood-Studios in Form einer Farce – erscheint der Mann als ein Getriebener, der mit Leib und Seele in seinem Metier aufgeht und alles für die Entstehung eines Films tun würde. Eloquent und konsequent lotst er Drehbuchautor Ben Hecht und Regisseur Victor Fleming in sein Büro, wo er sie volle fünf Tage nicht mehr herauslässt, weil er für sein derzeitiges Mammutprojekt ein neues Skript benötigt. Unter Einfluss von Bananen- + Erdnussdiät trägt diese kreative Klausur zur Entstehung einer unsterblichen Edelschnulze bei – „Gone with the Wind“. Weil der große Spötter und begnadete Dialogautor Hecht von der verachteten Schwarte nur die erste Seite gelesen hat, spielen ihm die beiden anderen Szene für Szene vor und er schreibt mit. Der Irrsinn nimmt seinen Lauf und wir erleben ganz großes Kino auf der Theaterbühne.

Der Monumentalität des entstehenden Films angemessen sind auch die schauspielerischen Leistungen an diesem Abend unter Marcus Gansers Regie: als Produzent bedroht und umschmeichelt Leopold Selinger abwechselnd seine beiden Lohnsklaven und steigert sich phasenweise in einen derartigen Furor hinein, dass man am liebsten den Arzt rufen möchte; Hermann J. Kogler hingegen ist sich als schnodderiger Regisseur für keinen noch so überdrehten Auftritt zu gut und wechselt im Sekundentakt von der hochschwangeren Scarlett, zum tänzelnden Sklavenmädchen oder einem Rhett Butler mit improvisiertem rußigen Schnurrbart (im Büro herrscht zwar striktes Rauchverbot, aber der findige Kerl rollt sich einen Tschick aus Bananenabfällen) . Die vielschichtigste Figur spielt zweifellos Bernie Feit, denn sein Ben Hecht schüttelt nicht bloß unermüdlich sarkastische Kommentare aus dem Handgelenk, sondern hört auch die offenen oder versteckten rassistischen Zwischentöne aus der Romanvorlage heraus und verfügt über ein waches politisches Bewusstsein, was gerade im Jahr 1939 eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Als einzige Frau unter den manischen Männern hält Irene Halenka wacker mit, indem sie mindestens 100 Mal mit wechselnder Betonung „Yes, Mr. Selznick“ sagt und eine sekretärinnenhafte Unerschütterlichkeit an den Tag legt, wenn es darum geht, auch den ausgefallensten Wünschen ihres Bosses nachzukommen.
Zuletzt sieht die Bühne wie ein Schlachtfeld aus und auch die Darsteller müssen sich vermutlich erst ein paar Tage lang wieder in Stand setzen, ehe sie zur nächsten filmreifen Aufführung in der Lage sind. Aber was nimmt man nicht alles für die Entstehung eines Filmklassikers in Kauf! An den Erfolg des Südstaatenepos glauben übrigens weder Hecht noch Fleming, und als der Produzent dem Regisseur eine Gewinnbeteiligung an den Einnahmen zusichern möchte, kostet das dem nur ein hämisches Gelächter. Wir lachen mit, aber aus anderen Gründen.

franco schedl


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