Kunstausstellung · Fotografie Ausstellung

Mobilität III - Geld


"Geld", die dritte und letzte Ausstellung der Fotogalerie Wien im Rahmen des diesjährigen Schwerpunkts „Mobilität“, führt nach den Themenfeldern „Reisen“ und „Grenzen“ nun zur Auseinandersetzung mit den virtuellen wie volatilen Einflüssen eines globalisierten Waren- und Finanzmarkts und seinen realen Auswirkungen. Neben Recherchearbeiten, Dokumentationen und kritischen Analysen der Machenschaften der Mächtigen wird die Schau durch auf emotionalen Zugangsweisen basierende Arbeiten erweitert.

Dabei werden die aktuellen, weltweit relevanten Themen der Finanz- und Wirtschaftskrise, des Immobilencrashs sowie der Korruption und des Machtmissbrauchs in unterschiedlicher Weise sichtbar gemacht. Der Zusammenhang von Ausbeutung und Gewinnabschöpfung, die sich vergrößernde Schere zwischen Reich und Arm kommen dabei ebenso zur Sprache wie die Ohnmacht und Existenzbedrohung der breiten Masse im Zuge der Krise.

KünstlerInnen: Zanny Begg (AU)/ Oliver Ressler (AT), Chto Delat? (RU), G.R.A.M. (AT), Katharina Gruzei (AT), Helmut & Johanna Kandl (AT), Wouter Osterholt & Elke Uitentuis (NL), Lisl Ponger (AT), Isa Rosenberger (AT), Yorgos Zois (GR)

Die Künstlergruppe Chto Delat? (RU) zeigt im Kino der Fotogalerie Wien das Video The Tower: A Songspiel (2010), das auf einem real geplanten Hochhaus-Projekt des Energie-Giganten Gazprom im Zentrum von St. Petersburg beruht. Die vielstimmige Szene, ein Chorgesang, ist geteilt zwischen denen, die darin eine glorreiche Zukunft sehen und den Kritikern, die es schließlich zu Fall bringen. Soziale Bruchlinien werden in dieser Arbeit ebenso sichtbar wie der Zusammenhang von Machtdemonstrationen, die sich als Fortschritt tarnen, und Korruption.

Die Künstlergruppe G.R.A.M. (AT) reinszeniert in ihrer Arbeit NixCheckCashing (2011) Pressefotos von Mimiken und Gesten entsetzter oder verwunderter Börsen-Broker, die auf drastische Kursverfälle während der Finanzkrise reagieren. Sonst eher selten in den Medien gezeigt, tauchen Bilder geschockter Börsianer immer dann als Signal auf, wenn sich die Krise verlängert, und geben ihr somit ein Gesicht. Bereits seit 1998 rekonstruiert die Künstlergruppe in einer Reihe von Projekten reale Ereignisse und macht auf diese Weise die Funktion der Bilder und die Mechanismen von Bildpolitiken sichtbar.

In dem experimentellen Kurzfilm Die ArbeiterInnen verlassen die Fabrik (2012) bezieht sich Katharina Gruzei (AT) auf den ersten Film der Brüder Lumière La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon (1895) und thematisiert gleichzeitig chronisch akute Probleme von Arbeitsbedingungen in der industriellen Produktion. Aufgenommen in einer aufgelassenen Tabakfabrik in Linz, deren Schließung hunderte Arbeitsplätze gekostet hat, begleitet der/die BetrachterIn eine immer größer werdende Schar von ArbeiterInnen beim Gang durch dunkle Fabrikkorridore, die nur kurzzeitig durch flackerndes Neonlicht ausgeleuchtet sind. Werden sie wiederkehren oder droht das Outsourcing?

Helmut & Johanna Kandl (AT) setzen sich in ihrer Arbeit sozialkritisch mit postmodernen Arbeitssituationen auseinander. Mittels eines künstlerischen Rückgriffs auf kolorierte Glasnegative aus der Zwischenkriegszeit, die sie mit affirmativen Slogans aus dem Repertoire des neoliberalistischen „Neusprechs“ in bewusst zynischer Weise aufladen, wird die Divergenz zwischen dem Versprechen angemessener Entlohnung von erbrachter Leistung und der realen Arbeitsmarksituation sichtbar (Your Way to the Top von 2001). Erweitert wird diese Arbeit durch das Video von Helmut Kandl Womit handeln Sie? (2001), das Straßenkünstler und Straßenverkäufer in ihrem täglichen Kampf ums Überleben zeigt.

Mittels eines eigens angefertigten, fahrbahren Mini-„McMansion“ durchqueren Wouter Osterholt und Elke Uitentuis (NL) in der Videoarbeit Your House is in our Hands (2009) das Städtchen Victorville, Kalifornien, und porträtieren dessen BewohnerInnen. Rund hundert Meilen von Los Angeles gelegen, bietet diese Retortenstadt im Nowhere auch für einkommensschwache Schichten die Möglichkeit eines leistbaren Eigenheims mit Garten und somit ein Stück des „American Dream“. In ihrer konzisen dokumentarischen Analyse gelingt es dem Künstlerduo, die Wünsche und Sehnsüchte, die Veränderungen der Lebensbedingungen nach dem explosiven Anwachsen der Retortenhomes und somit des Ortes, sowie die Ängste und Kritik nach dem Immobiliencrash, einzufangen.

In ihrer Fotoarbeit No Futures! (2009) referiert Lisl Ponger (AT) auf das klassische Genre der „Marktbilder“ der frühkapitalistischen Niederlande. In der sorgfältigen Komposition thematisiert sie das Gewebe des Marktes, die sozialen Gefälle und den sinkenden Absatz im Zuge der Krise. Der Titel bezieht sich aber nicht nur auf Zukunftsängste, sondern steht auch als Forderung im Raum, Spekulationen auf Grundnahrungsmittel an den Börsen im Rahmen von „Futures“-Geschäften einzustellen. Darauf verweisen die Tulpen zur Linken der Verkäuferin; war doch einst der kostenintensive Kauf von Tulpenzwiebeln eine Spekulation auf eine prosperierende Zukunft.

In ihrem Video The Bull Laid Bear (2012) analysieren Zanny Begg (AU) und Oliver Ressler (AT) die Hintergründe der jüngsten Rezession und Finanzkrise (genannt „Bear Market“ – im Gegensatz zu „Bull Market“, dem Wirtschaftsboom). Das spannende Wechselspiel von Animationsfilm und klassischen Interviews spielt in einem Pub, wo sich ganovenartige Bären herumtreiben und zwei US-Ökonomen, eine Aktivistin und ein Kriminologe die harten Fakten zum Verfall der Wirtschaftsordnung zur Sprache bringen.

Isa Rosenberger (AT) reinszeniert im Video Espiral (2010/12) Kurt Jooss‘ expressionistisches Ballett „Der grüne Tisch“ (1932), mit dem dieser die Verkettung von Macht, Ökonomie und Krieg im Zusammenhang mit der ersten Weltwirtschaftskrise tänzerisch verarbeitet hat. Vor dem Hintergrund der Österreichischen Nationalbank gedreht, konzentriert sich Rosenbergers Arbeit auf die Rolle der österreichischen Banken und die Parallelen in ihrem (Fehl-)Verhalten damals wie heute. Der Titel Espiral („Spirale“) spielt dabei auf die gleichnamige, von Jooss gegründete Tanzschule in Santiago de Chile an, die Kindern unterprivilegierter Schichten eine Ausbildung ermöglichte, aber auch auf Abhängigkeiten innerhalb einer globalisierten Ökonomie.

Yorgos Zois (GR) zeigt in seinem Kurzfilm Titloi Telous (Out of Frame) (2012) leere Werbetafeln entlang der Straßen von Athen. In standfotografischer Manier fängt er in eindrücklichen und atmosphärischen Bildern die tragische Situation in Griechenland ein. Die leeren Tafel-Skelette des Kapitalismus sind als Parabel auf die Hoffnungslosigkeit, die die Krise vielerorts mit sich brachte, zu verstehen. Ein einsames Hundebellen durchbricht die gespenstischen Aufnahmen vor blauem Himmel. Eine griechische Flagge weht verlassen in der Weite.

Eröffnung: Montag, 16. Dezember, 19 Uhr
Einführende Worte: Philipp Levar

Öffnungszeiten: Di. & Fr. 14-19 Uhr, Mi. & Do. 12-19 Uhr, Sa. 10-14 Uhr


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