Tanz

Meg Stuart & Damaged Goods - Until our hearts stop


Wie setzen wir uns miteinander in Beziehung? Welchen Konventionen, welchem Benimmkanon, welchen vorgefertigten Protokollen unterwerfen wir uns dabei? Das Stück Until our hearts stop der Choreografin Meg Stuart führt uns in einen Abend des Grenzen-Auslotsens, des kontinuierlichen Grenzen-Streckens, bis es vermeintlich grenzen-los wird.

Schon der Titel benennt die Unmöglichkeit, zu entkommen. Die Protagonist_innen des Abends begeben sich in das leidenschaftlich Ausweglose. Sie sehnsüchteln nach Liebe, nach Berührung, sie suchen Nähe, ringen mit Ängsten und Mutlosigkeit und verzweifeln an der Enttäuschung.

Die sechs Performerinnen und drei Jazz-Musikerinnen begeben sich dabei in einen Raum, in dem das Hoffnungsvolle sie ebenso in Empfang nimmt wie das Verletzliche. Und wie in der ersten Verliebtheit, in dem zarten Beginn aus Annäherung, in der noch nicht enttäuschten Idealisierung des Vis-à-vis, nimmt auch dieser Abend behutsam, in einem Ertasten, dann Erreichen, dann Befühlen und Begreifen seinen Anfang. Ist dieser Moment etabliert, erfolgt jedoch sowohl musikalisch – mit Big-Band-fulminanten Sounds – wie auch im Tempo der Bewegungen ein Anlauf und alles wird schneller, intensiver, getriebener. Bis die Stimmung den Klimax erreicht, der einen Wendepunkt hin zur Stille bedeutet, in der das Ringen um Atem den Raum dominiert.

„We say that the body is a container for memories sometimes we just don’t know what’s in store and what will possibly trigger what …“, sagt Meg Stuart und beschreibt damit den Umstand, den in Until our hearts stop die Protagonistinnen des Abends erfahrbar machen, wenn sie in Zweisamkeitsversuchen in Entzweiung scheitern, wenn sie in der Gemeinsamkeit auf Gemeinheit stoßen, wenn das Begehren zu einem schmerzlichen Verzehren mutiert. Die gefühlte Willkür würde vielleicht verzweifeln lassen, wäre da nicht das Spiel ... Ein Spiel, das Leichtigkeit bedeutet, das verführt, das seinerseits Grenzen verrückt oder sich herausnimmt, sie zu ignorieren. Nacktheit, die das Spiel neckisch tarnt, wird durch unseren Voyeurismus entlarvt und wir sind Komplizinnen im Brechen von Grenzen, durch das letztlich soziale Strukturen infrage gestellt werden.

CHOREOGRAFIE: Meg Stuart
ENTWICKELT UND PERFORMT VON: Neil Callaghan, Jared Gradinger, Leyla Postalcioglu, Maria F.Scaroni, Claire Vivianne Sobottke, Kristof Van Boven
LIVEMUSIK: Samuel Halscheidt, Marc Lohr, Stefan Rusconi
ORIGINALMUSIK: Paul Lemp, Marc Lohr, Stefan Rusconi
DRAMATURGIE: Jeroen Versteele
BÜHNENBILD: Doris Dziersk
KOSTÜME: Nadine Grellinger
LICHT: Jurgen Kolb, Gilles Roosen
TECHNISCHE LEITUNG: Oliver Houttekiet
SOUNDTECHNIK: Richard König
BÜHNELEITUNG: Pierre Willems
STAGEHAND: Bart Van Bellegem
TOURMANAGERIN: Annabel Heyse
PRODUKTIONSMANAGERIN: Sabrina Schmidt
GARDEROBIERE: Patty Eggerickx / Emma Zune
CHOREOGRAFIEASSISTENZ: Francisco Camacho
ASSISTENZ BÜHNENBILD: Giulia Paolucci
ASSISTENZ KOSTÜME: Davy van Gerven
KÜNSTLERISCHE ASSISTENZ: Igor Dobricic
PRODUKTION: Damaged Goods (Brüssel) und Münchner Kammerspiele
KOPRODUKTION: PACT Zollverein (Essen), Ruhrtriennale – Festival der Künste
Mit besonderem Dank an Klara Luhmen, Peter Pleyer, Dasniya Sommer, Tami Tamaki,
Aurore Werniers und Uferstudios (Berlin)


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