Diverse Musik

Matisyahu


Ein jüdisch-orthodoxer Rapper im dunklen Anzug mit Rauschebart und schwarzem Hut? Kurios, aber wahr. Der 26-jährige New Yorker Matisyahu ist ein Pop-Phänomen mit einer göttlichen Mission: In seinen spirituell aufgeladenen Shows trifft Bob Marley auf den Messias.

Es war nicht einfach aufzutreiben, aber jetzt ist das Mittagessen da. Noch aber kann es nicht verzehrt werden. Denn ein koscheres Leben erfordert nicht nur koscheres Essen, sondern auch ein koscheres Besteck. Das Hotel, in dem Matisyahu untergebracht ist, gehört zwar zu den besseren Berlins, ist aber lange nicht gut genug, um in der Küche die jüdischen Ernährungsvorschriften einzuhalten, und andererseits auch nicht schlecht genug, um Einwegbesteck aus Plastik zu bevorraten. Also muss der weltweit garantiert einzige ultra-orthodoxe Reggae-Sänger, bis das Problem gelöst ist, mit einem Sandwich vorlieb nehmen. Das kann man mit den Fingern essen.

Schon schwierig" sei es, sich auf Tournee zu begeben und dabei koscher zu bleiben, erzählt der 26-jährige New Yorker mit sanfter, gänzlich ironiefreier Stimme. Der Manager sei auf jeden Fall gut beschäftigt momentan, die Ernährung seines Stars zu gewährleisten. Ansonsten aber läuft die Karriere prima: Beim abendlichen Auftritt Ende November, dem ersten und bis auf weiteres auch erst einmal einzigen in Deutschland, ist die Berliner "Kalkscheune" gut gefüllt, wenn auch zum Großteil mit geladenen Vertretern der Medien.

Sie sind gekommen, um ein Kuriosum zu bestaunen: Auf der Bühne steht ein chassidischer Jude in dunklem Anzug, mit schwarzem Hut und dichtem Rauschebart, der über mitreißendem Roots Reggae nicht über Marihuana und die Freuden des Fleisches singt, sondern den Herrn lobpreist. Dabei wirkt der nahezu zwei Meter große Schlacks schüchtern, fast ein wenig verklemmt. Es gibt keine Ansagen zwischen den Stücken, kaum Kommunikation mit dem Publikum, nicht einmal ein kleines "Hallo". Aber manchmal überfällt sein Gesicht ein glückseliges, entrücktes, ja durchaus erleuchtetes Lächeln, und wenn sich der Offbeat zum Toben steigert, beginnt Matisyahu im Rhythmus zu hüpfen, als wollte er seinem Gott noch näher kommen.

Früher sprang er so verzückt gar mitunter ins Publikum, aber das Stage-Diving hat ihm mittlerweile sein Rabbi untersagt. Zwar verbietet die Thora nicht ausdrücklich, sich von einer Bühne zu stürzen, aber zu den exakt 613 Pflichten, die der fromme Jude nach Möglichkeit einzuhalten hat, gehört auch, dass ein Mann nur die Frau berühren darf, mit der er verheiratet ist. Weil eine weitere Regel festlegt, dass ein Mann nur seine Ehefrau singen hören darf, muss Matisyahu auch auf einen Background-Chor verzichten. "Es ist schwierig für mich", sagt ein im Gespräch eher unverbindlicher Matisyahu, "mich in einer Welt aufzuhalten, in der nicht jeder versteht, wie ich lebe."

Daran, dass das Verständnis größer wird, arbeitet er ganz aktiv: "Es ist Teil meines Jobs, der Welt einige Aspekte des Judentums näher zu bringen. Dazu versuche ich das, was ich über Gott und das Judentum weiß, so zu verpacken, dass es leichter erfahrbar und verständlich wird". Die Mischung aus Marley und Messias hat unerwarteten Erfolg: Matisyahus Debütalbum "Shake off the Dust... Arise", im vergangenen Jahr nur in in den USA erschienen, verkaufte sich gut 50.000 Mal, die neue CD "Live at Stubb's", die nun auch hierzulande heraus kommt, hat bereits über 100.000 Einheiten abgesetzt.

Der Erfolg, sagt er, habe ihn nicht überrascht, denn schließlich ist die Musik "genau das, was Gott für mich wollte. Wenn man das Gefühl hat, den Willen Gottes auszuführen, gibt es keine Hindernisse und keine Beschränkungen mehr. Wenn Gott es will, dann geschieht es." Der Weg zum Erfolg allerdings verlief keineswegs geradlinig: Geboren als Matthew Miller durchlebte Matisyahu eine rebellische Kindheit, schmiss Schulen und Drogen, reiste zuerst als "Dead Head", einer der eingeschworenen Fans der Hippie-Rockband Grateful Dead durchs Land. Auf einer Israel-Reise entdeckte er schließlich seine jüdischen Wurzeln. Nach der Erleuchtung schnitt er sich die Dreadlocks ab, nahm seinen hebräischen Namen an und ließ sich einen Bart stehen. Seitdem trägt er die schwarze Kluft des orthodoxen Juden, betet mindestens drei Mal täglich und lebt im ultra-orthodoxen Viertel Crown Heights ein gottesfürchtiges Leben mit Frau, Kind und koscherer Ernährung.

Wenn er nicht gerade auf Tournee ist, studiert er tagsüber zehn Stunden lang die Thora und rappt abends zu Ehren des Allmächtigen. In seinen Texten zitiert er ausgiebig die Bibel. Musikalisch allerdings erinnert nur die eine oder andere Melodieführung, vielleicht mal ein getragenes Intro an die religiösen Gesänge der Rabbis. Meist aber klingt seine Band wie ein jamaikanischer Direktimport. Matisyahu benutzt das traditionelle Toasting jamaikanischer DJs, singt wie der von ihm verehrte Bob Marley und betätigt sich sogar mit einiger Meisterschaft als Human Beatbox.

So abstrus diese Fusion auf den ersten Blick erscheinen mag, für Matisyahu ist sie nahe liegend. Reggae mag keine jüdische Musik sein, aber auch die Texte der Rastas, hat er festgestellt, sind gespickt mit Zitaten und Symbolen aus dem Alten Testament. Und tatsächlich: Hört man Matisyahu zu, hört den alttestamentarischen Furor, mit dem er bisweilen den lieben Gott besingt, scheint die Verknüpfung ausgesprochen organisch. Das hat selbst den legendären Bill Laswell überzeugt, der "Youth", das zweite Studio-Album von Matisyahu, produziert hat, das Ende Januar 2006 erscheinen und von einer großen internationalen Plattenfirma vertrieben wird.

Spätestens dann wird Matisyahu seinen Status als Kuriosität ablegen. Glaubt jedenfalls Jacob Harris, auf dessen Kleinstlabel JDub das erste Album des Sängers erschien. Harris, der selbst nicht religiös ist, und sein Partner Aaron Bisman betreuen Matisyahu weiterhin als Manager, bringen derweil auf JDub aber weitere Künstler mit jüdischen Wurzeln heraus, die ein "breites musikalisches Spektrum" abdecken. An Nachwuchs mangelt es nicht, erzählt Harris, nur die Suche nach weiblichen Interpretinnen gestaltet sich schwierig. Das nächste viel versprechende Projekt von JDub ist die Indie-Popband The Leevees, die gerade im Vorprogramm der US-Rocker Barenaked Ladies ihr Album vorstellt, das ausschließlich aus Songs besteht, die den höchsten jüdischen Feiertag Hanukka zum Thema haben.

Harris und seinen Mitstreitern geht es darum, eine positive jüdische Identität zu vermitteln - "im Gegensatz zu einem Woody Allen, der sich immer lustig machte über sein Judentum". Da bricht sich zum einen ein neues jüdisches Selbstbewusstsein Bahn, aber vor allem befriedigt Matisyahu das in der modernen Konsumgesellschaft zunehmend wachsende Bedürfnis nach Halt und spiritueller Führung. Christlicher Rock und Pop sind in den USA längst ein Milliardengeschäft und auch hierzulande nicht mehr zu vernachlässigen. Deshalb glaubt Harris, dass auch Musik mit jüdischen Inhalten ein Marktsegment mit Wachstumspotential darstellt, denn "die Menschen suchen nach Wahrheiten, nach Glück". Einer, der all das schon gefunden hat, sucht allerdings noch nach dem richtigen Besteck. (Thomas Winkler)


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