Literatur

Martin Schwab - Ja von Thomas Bernhard


Martin Schwab, Ehrenmitglied des Wiener Burgtheaters, liest Bernhards Ich-Erzählung, die deutliche Bezüge zum Leben des kämpferischen Schriftstellers zeigt.

Der Ich-Erzähler der Erzählung Ja von Thomas Bernhard aus dem Jahr 1978 ist ein Naturwissenschaftler, der sich mit den Antikörpern in der Natur beschäftigt – also mit den biologischen Abwehrstoffen. Um sich aus seinem allzu radikalen Rückzug von den anderen Menschen zu befreien, sucht er denjenigen auf, der ihm am nächsten steht, den „Realitätenhändler“ Moritz. Bei ihm lernt er eine Perserin kennen, für die ihr Schweizer Lebensgefährte, ein berühmter Kraftwerksingenieur, in äußerst unwirtlicher Lage ein Haus bauen will. Durch die Begegnung mit ihr, die sich als verständnisvolle Gesprächspartnerin erweist, rettet sich der Erzähler aus seiner Isolation. Doch die ihm anfänglich ideal scheinende Beziehung verliert bald ihre angenehme Wirkung, die Perserin wird ihm zuletzt geradezu unerträglich, und er bricht den Kontakt ab. Aus der Zeitung erfährt er von ihrem Selbstmord; auf seine einstige Frage, ob sie sich eines Tages umbringen werde, hatte sie Ja gesagt.

Die schriftliche Aufzeichnung ihres Unglücks folgt einem in Bernhards Schreiben wiederkehrenden Modell: Er wolle, schreibt der Ich-Erzähler, einerseits die Erinnerung an die Perserin festhalten und andererseits sein eigenes Befinden verbessern, seine „Existenz verlängern“.

Der fiktionale Text hat deutliche Bezugspunkte in Bernhards Lebensgeschichte. Hinter dem „Realitätenvermittler“ Moritz steht - kaum verhüllt - der Immobilienhändler Karl Ignaz Hennetmair, mit dem den Autor eine zehnjährige, 1975 jedoch plötzlich abgebrochene Freundschaft verband. Manche Bemerkungen des Erzählers lassen sich als Kommentar zu Bernhards Ansiedlung im Salzkammergut (in Obernathal/Ohlsdorf) lesen: Er habe sich, so sagt er, eine „Ruine“ gekauft, die er restauriert und bewohnbar gemacht habe, mit der Absicht, „daß ich einen Platz für mich allein in der Welt hatte, der abzugrenzen und abzusperren gewesen war“. Auch die „Perserin“ hat ein reales Vorbild: die in der UdSSR geborene und später iranische Staatsbürgerin Maria Radson, deren Schicksal mit dem der Perserin weit gehend übereinstimmt.

Der 1937 geborene Schauspieler Martin Schwab ist seit 1987 Ensemblemitglied, seit 2009 Ehrenmitglied des Wiener Burgtheaters und begleitete zahlreiche Uraufführungen, unter anderem von Thomas Bernhard, Peter Handke und Elfriede Jelinek. Schwab wurde mit der Kainz-Medaille und mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet. 2013 Franz Josef Altenburg Preis der Salzkammergut Festwochen Gmunden.


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