Kunstausstellung

Madeleine Boschan-if ever before, far off, and listen


Ausgangspunkt für Madeleine Boschans Arbeit ist die Annahme, dass jede Art von Raumerfahrung zuvorderst eine physische Erfahrung ist.

Wie findet ein Körper Halt und Stand, wie findet er einen ihm gemäßen Ort und hält diesen aufrecht, wie verbindet er sich mit anderen Körpern, tritt mit diesen in wechselseitigen Austausch? Dabei nimmt sie Einflüsse aus der frühgriechischen oder der indigenen Skulptur Afrikas und Ozeaniens ebenso auf wie aus der Verhaltensbiologie, dem Situationismus, der Science Fiction, aus der Konkreten Kunst oder dem Minimalismus sowie in den vergangenen Jahren verstärkt der Literatur; sei dies die Raumpoetik Samuel Becketts oder zuletzt die Spannung von präziser Alltagsbeobachtung und subjektiven Empfinden im Werk des amerikanischen Dichters Frank O’Hara.

Madeleine Boschans Innsbrucker Ausstellung fällt in eine Phase des Umbruchs. Sie erzählt selbst, dass sie es »als Kind liebte, aus Papier Möbel auszuschneiden, mein ganzes Kinderzimmer war voll davon, und inzwischen finde ich mich im Atelier wieder und schneide Papiermodelle für eine Ausstellung Ende 2016, trinke scharfen Gemüsesaft und denke über die Tropicália, Jorge Ben, Astrud Gilberto und Oscar Niemeyer nach oder über den Brutalismus, den L.A. River, Pastellfarben und die elektrischen Billboards aus ›Blade Runner‹. Es geht mir um unterschiedliche Auffassungen von Architektur und Räume im Raum, Durchgänge, Übergänge – wahrscheinlich etwas Skulpturales ohne Skulpturen.« Den L.A. River und sein gesamtes, zum Schutz vor Überflutungen 10 m hoch einbetoniertes Flussbett mit unzähligen Brücken und verzweigtem Wegesystem untersucht sie beispielsweise als modulare Plastik mit immensen, urbanen Ausmaßen: ein Zwiespalt zwischen verheißungsvoller, moderner Sachlichkeit und unmenschlichem Rationalismus – von dem etwa James Camerons endzeitlicher »Judgement Day« (1991) nur einen schwachen Abglanz lieferte, doch war dieser durch die filmische Erzählung hindurch noch spürbar.

Wiederum durch ihre rhythmisch durchbrochene Anordnung und »harte Fügung« (Friedrich Hölderlin) gliedern und strukturieren Madeleine Boschans Plastiken parataktisch den umliegenden Raum und markieren gleichzeitig den Ort, der zwischen ihnen liegt – unseren teilnehmend-betrachtenden Aufenthalt. Immer im fragenden Bezug: was und ›wie‹ sind die Orte des Menschen? Denn mit ihrer Praxis, der plastischen Gestaltung von Raum, verknüpfen sich nicht bloß ästhetische Fragen, sondern beständig individuelle, soziale und ethische – Roland Barthes’ letzte Fragestellung: Comment vivre ensemble? Wie zusammen leben?


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