Loveplay


Schüchterlinge und Vergewaltiger, Verwirrte und Entschlossene wechseln einander durch zehn Zeitalter ab – Liebe, Lust und Leidenschaft bleiben aber auch nach zwei Jahrtausenden ein Mysterium.

Diese moderne, feministische und ironische Variante des Reigen zeigt uns sechs Darsteller und Darstellerinnen in mehr als 30 Rollen, die in zehn Akten, die durch zweitausend Jahre am gleichen Ort stattfinden, ein riesiges, mal amüsantes, mal berührendes, mal gewalttätiges Panorama über Liebe und Sex in den unterschiedlichsten Ausprägungen präsentieren. Poetisch und brutal, satirisch und mitfühlend überraschen die verschiedensten Geschichten. Vom römischen Legionär, der vor dem Lagertor eine keltische Prostituierte davon überzeugen will, dass eine Münze als Zahlung für ihre Dienste genauso gut ist wie das sonst übliche Huhn, über verliebte Nonnen im Mittelalter, schüchterne Swingerpärchen in den wilden sechziger Jahren bis zur lesbischen Besitzerin einer heutigen Dating-Agentur, die durch ihre Freundin ins Chaos mit ihren liebesbedürftigen Onlinekunden gestürzt wird.

Inszenierung und Raum: Bruno Max
Kostüm: Alexandra Fitzinger
Musik: Fritz Rainer
Maske: Gerda Fischer

Es spielen:
Eszter Hollósi, Johanna Rehm, Samantha Steppan, Leopold Selinger, Philipp Stix, Matthias Tuzar

KRITIK

In der Wiener Scala wird mit Liebesspielen die Saison eröffnet. Im Gegensatz zu Schnitzler erstreckt sich dieser neue Reigen nicht bloß auf die k.u.k. Monarchie, sondern umfasst rund zwei Jahrtausende, aber zumindest der Schauplatz bleibt immer derselbe. Um uns auf den architektonischen Wechsel einzustimmen, wird jede der zehn Szenen durch eine kleine Videoeinspielung eingeleitet, während die Beatles „All you need is love“ anstimmen.
Geschrieben wurde dieses satirisch-freche aber auch gnadenlos ernsthafte Stück-Werk von der Engländerin Moira Buffini 2001, Scala-Hausherr Bruno Max sicherte sich die Rechte für eine deutschsprachige Erstaufführung. Die Szenen weisen recht unterschiedliche Längen auf und können von einer Minute bis zu einer viertel Stunde dauern: das beginnt im Jahr 79 unserer Zeitrechnung mit dem Zusammentreffen eines römischen Soldaten und einer britannischen Geschäftsfrau des horizontalen Gewerbes neben einer neuerbauten Latrine und endet in naher Zukunft in einem Hochhaus, wo eine Partnervermittlung ihr Büro hat, dessen Leiterin peinlicherweise das titelgebende L-Wort nicht über die Lippen bringt.
Dabei ist es höchst erfreulich zu hören, wie genau die Autorin den Tonfall der jeweiligen Epoche trifft (das Kompliment wird selbstverständlich an den Übersetzer Bruno Max weitergegeben): sei es der shakespeareisierender Auftritt einer kleinen Theatergruppe, sei es die absinthgetränkte Diktion eines Künstlers der Décadence im viktorianischen Zeitalter oder der phrasengesättigte Diskurs von typischen 68ern. Die weibliche Autorschaft macht sich übrigens durch die Bevorzugung von Frauenfiguren bemerkbar: das sind hier eindeutig die klügeren und interessanteren Gestalten, während Männer meist nur ein tragikomisches Beiwerk bilden. Als akustische Verbindung der Szenen dient bezeichnenderweise auch der gequälte Schrei einer von Sachsen im Jahr 544 missbrauchten Frau: er hat sich an diesem Ort sozusagen konserviert und hallt über die Jahrhunderte hinweg als geisterhafte Wehklage immer wieder auf (und eine gelehrte Frau des aufgeklärten Zeitalters bietet auch gleich eine mögliche Erklärung, indem sie über das Wesen der Zeit philosophiert).
Für all diese zweitausendjährige Fülle werden nicht mehr als sechs DarstellerInnen benötigt, obwohl man das nie glauben würde, weil uns deren Wandlungsfähigkeit oft in die Irre führt. Erst ein Blick auf die Besetzungsliste im Programmheft schafft hier endgültige Klarheit. Philipp Stix ist beispielsweise nicht nur der überforderte Römer in Liebesnöten, sondern beweist etwas später echten Mut, indem er in der Rolle eines Handwerksbursche aus der Kleidung schlüpft, um sich als anatomisches Anschauungsobjekt einer wissbegierigen Frau zur Verfügung zu stellen; Leopold Sellinger zeigt sich wie gewohnt in komödiantischer Hochform (z.B. als hipper 68er hinter einer Langhaarverkleidung), berührt aber auch als unglücklicher Vikar, der sich im Zeitalter von Oscar Wilde insgeheim zu Männern hingezogen fühlt; Matthias Tuzar hat einen denkwürdigen Auftritt als elisabethanischer Dichter, überrascht uns dann als noch unberührter Schuljunge und stimmt zuletzt im Jahr 1967 sehr revolutionäre Töne an; Johanna Rehm unterhält uns als dominante Gouvernante mit Hang zur romantischen Schauerliteratur gleichermaßen wie als Blumenkind, das die Sache mit der freien Liebe dann doch nicht so toll findet; Eszter Hollósi zeigt die ganze Bandbreite ihres Könnens in Rollen, die unterschiedlicher nicht sein könnten (von der aufgeklärten Wissenschaftlerin bis zur gehemmten Partneragentin), und Samantha Steppan kann als kecke Novizin im mittelalterlichen Nonnenkloster ebenso überzeugen wie als genervte Büroangestellte, deren Liebe zu ihrer Chefin auf eine harte Probe gestellt wird. Es ist erfreulich zu sehen, wie perfekt diese Ensemblemitglieder miteinander klarkommen: sie verstehen einander so gut, dass sich sogar noch beim Schlussapplaus ein großer Kusswechsel ergibt.
Dieser Theaterabend hält also garantiert mehrere Höhepunkte bereit (und ist darum auch erst ab 16 freigegeben).

franco schedl


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