Theater

Love for Love


Eine lieblose Komödie von William Congreve (1695)

Die besondere Liebe unseres Theaters für die Entdeckung und Entstaubung seltener englischer Klassiker ist bekannt: Love for Love, diese zynische Farce mit geistreichen Dialogen und schillernden Charakteren von William Congreve aus der „Restauration“-Ära passt deshalb perfekt in unseren Spielplan. Eine schrille barocke Extravaganz aus der britischen Society von annodazumal, in der wir den sorglosen Umgang mit Liebe und Geld auch unserer Zeit mühelos wiedererkennen können.

Schulden zwingen den Playboy Valentine dazu, zugunsten seines Bruders Ben auf sein väterliches Erbe verzichten zu müssen. Eine Heirat mit Angelica könnte ihn vielleicht retten, aber die ebenso kluge wie schöne Frau hat nicht vor, sich nur als Sparschwein ehelichen zu lassen. Brüderchen Ben, von rauen Abenteuern auf hoher See heimkommend, hat auch keine Lust, so ohne Weiteres die vom Vater arrangierte Ehe mit der Landpomeranze Miss Prue einzugehen. Mit Hilfe eines ganzen Panoptikums an habgierigen und geilen Widersachern und Mitstreitern entwickeln sich irrwitzige Intrigen und Gegenintrigen, es geht um Sex und Finanzen, und beinahe kommt die Liebe dabei zu kurz …

Noch böser und zynischer als die älteren Shakespearefiguren, viel emanzipierter als die zeitgleichen Moliere-Frauen und mindestens genauso pointiert und frivol wie die zweihundert Jahre jüngeren Oscar Wilde-Gentlemen treten uns die Charaktere dieser bemerkenswerten Ausgrabung entgegen.

Inszenierung: Peter Gruber

KRITIK

William Congreve trägt einen netten Namen, zählt aber wohl eher nicht zu unserem näheren Bekanntenkreis. Ganz unvertraut sollte sein Theaterstück „Love for Love“ gerade einem Wiener jedoch auch nicht sein, denn immerhin erlebte es am Burgtheater unter dem Titel „Väterliche Rache“ seine deutsche Erstaufführung. Das ist halt auch schon wieder 232 Jahre her…
Für Leute mit Kurzzeitgedächtnis erbarmt sich nun die Wiener Scala und bringt das Stück unter seinem Originaltitel auf die Margaretner Bühne. Selten zuvor wurde ein solcher Luxus in diesem Etablissement getrieben: die von Marcus Ganser ersonnene Spielfläche ist mit Teppichboden ausgelegt, ebenfalls teppichüberzogene Sitzquader ragen daraus empor und in der Raummitte findet sich eine in den Bühnenboden eingelassene goldene Badewanne, die wassergefüllt ist und gleich zu Beginn von einer Hauptfigur tatsächlich für ein Bad genutzt wird; auf der einen Längsseite erstreckt sich eine Stoffbarriere aus schleierartigen Kleidungsstücken, auf der anderen türmen sich Bücherberge und beiderseits der Raumbühne nehmen die Zuschauer gerne Platz, denn in einer solchen Umgebung lässt es sich locker zwei Stunden aushalten.
In diesem gewitzten und wendungsreichen Spiel der Liebeswirren und -intrigen aus dem Entstehungsjahr 1695 scheint sich vordergründig alles nur um Geldfragen zu drehen, doch Angelica (eine wie stets bemerkenswerte Johanna Withalm) ist um kein geschickt eingefädeltes Täuschungsmanöver verlegen, damit ihr geliebter Valentine (ein starker Florian Graf) auf pekuniäre Sicherheit pfeift und sich für die wahre Liebe entscheidet. Jede der Figuren ist hier ein Kapitel für sich und würde eine ganze Abhandlung verdienen, um ihr gerecht zu werden: da gibt es zum Beispiel den verschrobenen Mr. Foresight, ein abergläubischer Sternanbeter von Nestroy'schem Format (grandios verwirrt durch Hans-Jürgen Betram gespielt); gelackt herausgeputzt plustert sich Hermann J. Kogler als eitler Geck Tattle (auch hier kommt ein sprechender Name à la Nestroy zum Einsatz) und renommiert mit angeblichen Fraueneroberungen; sein schwarzgekleidetes Gegenstück, der Freigeist Scandal, wird durch Wolfgang Lesky sarkastisch und modebewusst verkörpert (bei seinem ersten Auftritt denkt man für ein paar Sekunden ernsthaft, Karl Lagerfeld habe sich auf die Bühne verirrt); ebenso unverzichtbar in diesem Ensemble ist Bernie Feit als bauernschlauer Diener; und wenn Sebastian Brummer als körperlich mitgenommener Seebär auftritt (das rauhe Schmink-Schicksal hat ihm z.B. ein paar obere Schneidezähne entfernt und ein blaues Auge verpasst), glaubt man direkt zu fühlen, dass er einen Schwall Seeluft mit sich bringt - außerdem gibt er in einer trommelfellzertrümmernden Gesangseinlage seemännisches Liedgut zum besten. Vielleicht der Eindrucksvollste von allen Mitwirkenden begegnet uns in Rainer Friedrichsen: er tritt, über die Bühne tänzelnd und scharf phrasierend, in seiner Rolle des hartherzigen Vaters als gewiefter alter Taktiker in Erscheinung, der zuletzt glaubt, seinen zweiten Frühling zu erleben und sich wie ein Adonis Redivivus mit Heiratsplänen herumschlägt (aber mit geschminkten Lippen und neuer Perücke eher so verstörend wie ein Vorläufer von Batmans Joker wirkt).
Congreves „lieblose Komödie“ hat dank Peter Grubers liebevoller Inszenierung den perfekten Regisseur für diese längst überfällige Wiederentdeckung gefunden. Der wunderbar kurzweilige Theaterabend wird nur durch eine einzige Enttäuschung getrübt: so lange wir auch darauf gewartet haben, keine(r) der zahlreichen DarstellerInnen ist jemals unfreiwillig in die Fallgrube der Bühnenbadewanne gestürzt, sondern konnte sie mit akrobatischem Geschick immer umgehen.

franco schedl


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