Jazz

Lia Pale


Ihr Erstling war vor zwei Jahren ein Verwandlung von Schuberts „Winterreise“ in eine Handvoll „Songs“, der Abtransport des Lieds (le lied) aus dem bürgerlichen Salon, Frack und Abendrobe, rein in die mikrofonmodellierte Diktion des amerikanischen standard.

Jazz und Dichtkunst werden hier zusammengebracht. Durch vier zentral Handelnde – durch Lia Pale als Sängerin und Flötistin, mathias rüegg (der Mann hinter dem Vienna Art Orchestra) an den Tasten und als Komponist sowie Heinrich Heine und Rainer Maria Rilke. Heine bringt scharfen Textverstand und sein Gefühl für Ironie ein, Rilke seine Textkraft der einzelnen Sätze, die tief im Innersten berührt. Genau das richtige Sujet für Lia Pale, die durch die gesangliche Reflexion von Franz Schuberts „Winterreise“ gezeigt hat, dass sie die höchsten Schwierigkeitsgrade der zwischen Jazz und Kunstlied zu verortenden Klänge mit der Leichtigkeit einer Popmusikerin meistert.

Mit My Poet’s Love zeigen Lia Pale und mathias rüegg, dass Dichtung etwas sehr Musikalisches ist. Eng ans Original angelehnt werden die Textvorlagen auch diesmal ins Englische übertragen. Nicht nur mit ihrer farbenreichen, nuancierten und äußerst lebendigen Stimme, sondern mit Leib und Seele ist die quirlige Interpretin bei der Sache. So leidenschaftlich, dass man in jeder Tausendstel-Sekunde das Gefühl hat, alles Gesungene musste genau in diesem Moment raus. Exakt jetzt. Jedes Später wäre zu spät gewesen. Lia Pale hat einmal gesagt, „ wenn es nicht an die Substanz geht, fehlt dann irgendwas.“ Ihr kann bescheinigt werden, es geht auch für den Hörer an die Substanz. Nach dem Verklingen der letzten Note hat man eine Gefühlsachterbahnfahrt durch bisher nie gekannte Höhen und Tiefen hinter sich, ist noch ganz benommen, orientierungslos – aber voller Glück.


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