Literatur · Theater

Leutnant Gustl


Ein sauberer Held: Von einem Bäckermeister insultiert, will sich Leutnant Gustl duellieren, was der Handwerker dem dummen Bub sehr handfest ausredet. In seiner Leutnantsehre verletzt, trägt sich Gustl eine Nacht lang mit Selbstmordgedanken. Doch der Morgen bringt eine andere, viel banalere Lösung seines Problems.

"Ah, lieber gleich eine Kugel vor den Kopf, als so was!... Wär' so das Gescheiteste!... Das Gescheiteste? Das Gescheiteste? - Gibt ja überhaupt nichts anderes... gibt nichts anderes... Wenn ich den Oberst fragen möcht', oder den Kopetzky - oder den Blany - oder den Friedmaier: - jeder möcht' sagen: Es bleibt dir nichts anderes übrig!...

Wien war seine Heimat und Urstoff seines Schreibens. Sigmund Freud war sein Freund. Mit der Akribie von Ärzten erforschten beide die Abgründe der Seele. Bei dem Nervenarzt entstand daraus die Psychoanalyse, bei Arthur Schnitzler ein Werk, das voller Witz und Schmerz von Liebe, Tod und Lebensleere erzählt.

Warum zum Beispiel der Erste Weltkrieg verloren ging, wussten einige sehr genau, hinterher: reine Nervensache. Nerven: Das war das neue Thema im Fin de Siècle und ein leidiges danach. Das Volk bestaunte Hypnosekünstler, die besseren Stände gruselten sich bei Séancen und auf der Seelencouch. Das Bild, das man sich von den geheimnisvollen Vorgängen im eigenen Inneren machte, war wie so oft der Welt der Technik entlehnt: der "Electricitaet". Durchflossen und durchleuchteten nicht die Nervenbahnen den menschlichen Geist wie - ab 1902 - Stromleitungen die Stadt Wien?

Der unaufhörliche, über weite Strecken untergründig verlaufende Strom der Gedanken - wie stellt man sowas zeitgemäß dar? Da brauchte es schon einen, der als Arzt um das Wesen der Nerven weiß, als Weltmann und Wiener das Katz-und-Maus-Spiel von Trieb, Gefühl und bürgerlicher Moral kennt und als Künstler die Klaviatur der Sprache beherrscht: Arthur Schnitzler. Anfangs betätigte sich der 1862 geborene Sohn eines renommierten jüdischen Kehlkopf-Spezialisten als medizinischer Fachautor mit Spezialgebieten wie "Hypnose und Suggestion". 1892 wechselte er, inspiriert durch Freunde wie Hugo von Hofmannsthal und Sigmund Freud, spektakulär das Fach.

Nicht so sehr der Stoff, mehr noch die unbarmherzige Präzision, mit der Schnitzler das Innenleben seiner Figuren behandelte, war ein Schock. Die Novelle Leutnant Gustl erschütterte die Wiener Gesellschaft, die einen nie zuvor so virtuos angewendeten Kunstgriff in die deutschsprachige Literatur einführte: den inneren Monolog. Kein Erzähler bringt das Geschehen nahe; der Leser wird mitgerissen vom Gedankenfluss des Helden.

Ein sauberer Held: Von einem Bäckermeister insultiert, will sich Leutnant Gustl duellieren, was der Handwerker dem dummen Bub sehr handfest ausredet. In seiner Leutnantsehre verletzt, trägt sich Gustl eine Nacht lang mit Selbstmordgedanken. Doch der Morgen bringt eine andere, viel banalere Lösung seines Problems.

Nicht nur Teile der antisemitische Presse wollen dem Autor den Skandal des Leutnant Gustl nicht durchgehen lassen: In einem Schnellverfahren erkennt die Militärführung Arthur Schnitzler den Rang eines Reserveoffiziers ab, den er als Militärarzt erworben hat.

Schwerpunkt 1. Weltkrieg
Im Rahmen der Schwerpunktreihe
"Also sie ham uns den Ferdinand erschlagen"

Manuel Rubey - Schauspiel &
Franz Schuh - Dramaturgie

Manuel Rubey wurde 1979 in Wien geboren. Der Sänger, Schauspieler und Kabarettist studierte vier Semester Philosophie und Politikwissenschaften. Außerdem absolvierte er eine Schauspielausbildung an der Schauspielschule Krauss in Wien. Manuel Rubey war an der Gründung der anfänglichen Kabarettisten- und späteren Rockgruppe Mondscheiner beteiligt, die 2006 mit Das was wir sind einen Hit landete und 2009 ihre Auflösung bekannt gaben. Zwischen 2004 und 2006 war Manuel Rubey Schauspieler am Landestheater Linz in der Sparte u\hof: Kinder- und Jugendtheater engagiert, weiters trat er in den Theaterstücken Picoletto (2006) und King Lear (2007) auf. Seinen Durchbruch feierte Rubey 2008 mit der Hauptrolle in der Biografie-Verfilmung Falco – Verdammt, wir leben noch!. Im selben Jahr spielte er auch an der Seite von Karl Merkatz in dem Film Echte Wiener – Die Sackbauer-Saga sowie in der zwei Jahre später gedrehten Fortsetzung. Im Frühjahr und Sommer 2011 stand Manuel Rubey für die Serien B raunschlag und Borgia vor der Kamera. Ebenso hatte sein Kabarettprogramm Triest (mit Thomas Stipsits) Premiere, weiters war er im Wiener Rabenhof Theater im Stück Porno an der Seite von Robert Palfrader zu sehen. Letzten Herbst war er an den Dreharbeiten zur Internetserie fauner consulting beteiligt, in der er die Hauptrolle des Franz Fauner spielt.

Franz Schuh, geb. 1947 in Wien. Buchautor und Kritiker; Kolumnist, u. a. für Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung und Literaturen. 1976-1980 Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung. Bis 1993 Redakteur der Zeitschrift Wespennest. Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik (1985), Jean-Amery-Preis für Essayistik (2000), Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch / Essayistik (2006), Essay-Preis Tractatus des Philosophicum Lech (2009), Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien (2009), Veröffentlichungen, u. a.: Der Stadtrat. Eine Idylle (Ritter, 1995), Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück (DuMont, 2000), Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche (Zsolnay, 2006), Hilfe! Ein Versuch zur Güte (Styria, 2007) Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst (Zsolnay, 2008), Der Krückenkaktus (Zolnay, 2011).


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