Neue Klassik

Klangforum Wien mit Dörte Lyssewski und Hans-Michael Rehberg - Das Tuch


Zweifel an einem Zusammenhang des Turiner Grabtuches mit dem Leichnam des gekreuzigten Jesus sind seit dem Auftauchen des Stoffstückes im 14. Jahrhundert geäußert worden. La Sindone di Torino war und ist Gegenstand akribischer wissenschaftlicher Untersuchungen und verschiedenster Deutungen. Auf dem Gewebe ist die Gestalt eines männlichen Leichnams erkennbar, der alle Spuren jener Misshandlungen und Torturen trägt, denen nach den Berichten der Evangelisten Jesus von Nazareth am Tag der Kreuzigung ausgesetzt war. Gleichwohl wird das geheimnisumwobene Stück Stoff auch von der Kirche nicht als Reliquie, sondern lediglich als Ikone, als Gegenstand frommer Kontemplation betrachtet. Mit unseren Zweifeln nicht alleine lässt uns Martin Mosebachs Text „Das Tuch“, den Dörte Lyssewski und Hans Michael Rehberg, zwei große Figuren des deutschen Sprechtheaters, zwischen den musikalischen Teilen der Aufführung sprechen werden. Allmählich werden sich Zweifel am Zweifel selbst einstellen, so dass Raum entstehen kann für Hoffnung und Liebe.

Die Hoffnung auf den Erlöser erscheint im Grabtuch von Turin auf greifbare Weise materialisiert. Joseph Haydn gab für das Passionsritual in einer Kirche von Cádiz den Sieben letzten Worten Jesu eine Stimme ohne Worte durch einzelne Sonaten für Instrumente. Die Musik erklang am Karfreitag im Dunkel einer Kapelle. In Krems wird sie von den MusikerInnen des Klangforum Wien interpretiert, teilweise in zeitgenössischen Überschreibungen des Werks durch den österreichischen Komponisten Bernhard Lang. Sein Blick auf die Sonaten umkreist katastrophische Ereignisse, in denen jedes Mal die Musik in ihrem Entfaltungsprozess zum Stillstand kommt und in „dead repetitions“, wie eine hängende Schallplatte, um sich selbst kreist: „The Anatomy of Disaster“. Der italienische Komponist Salvatore Sciarrino betritt mit seiner Musik die Schwelle zur Nacht, in den Momenten der Flut des Bewusstseins und gleichzeitig kurz vor dem Verschwinden in das nicht mehr Wahrnehmbare. Notturnos im Dunkel der Melancholie.

Die Liebe in ihrer allumfassenden Kraft überwand die Katastrophe: Olivier Messiaen komponierte 1940/41 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager mit Duldung der deutschen Lagerkommandanten für sich und drei weitere inhaftierte Musiker das „Quartett für das Ende der Zeit“. Mit einer immateriellen musikalischen Sprache, inspiriert von der Offenbarung des Johannes, näherte Messiaen sich, die Mitmusiker und die zuhörenden Lagerinsassen der „Ewigkeit im Raum“, der „harmonischen Stille des Himmels“.


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