Jazz

Keith Jarrett


Rechtzeitig zu seinem 70. Geburtstag brachte Keith Jarrett im Vorjahr sein zweiundzwanzigstes, ganz allein eingespieltes Opus auf den Markt. „Creation“ versammelte neun, elegische Eigenkompositionen, die er 2014 in Paris, Tokio, Rom und Toronto live eingespielt hat. Das verbissene Ringen mit dem Instrument, der unstillbare Drang zur Perfektion läßt sich in diesen erstaunlich friedlichen Kompositionen nicht ausmachen. Gut so.

Geboren am 8. Mai 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs, stand in den meisten Dekaden seiner in den Sechzigerjahren anhebenden Karriere der Kampf im Vordergrund. Jarrett, der als Schlagzeuger begonnen hat, mochte als Sideman von Art Blakey dessen Rhythmuskonzeption nicht. Später bei Charles Lloyd kam er den Hippies gefährlich nahe. Auf seinem Album „Restauration Ruin“ gab er sich 1968 sogar als –nun sagen wir mal exzentrisch- singender Liedermacher. In der Band von Miles Davis kämpfte er mit den reduzierten Ausdrucksmöglichkeiten von E-Piano und Orgel.

Erst mit „Facing You“ seinem ersten Werk auf ECM, dem 1969 gegründeten Label von Deutschen Manfred Eicher, kam Jarrett ästhetisch zu sich. Er verfolgte das paradoxe Konzept eines konzeptlosen Spiels. Weder Vorbildung, Prägung noch musikalische Absicht sollte der Musik in die Quere kommen.

Wolfgang Sandner, Autor einer jüngst erschienenen Jarrett-Biographie, bemühte auf der Suche nach einer ebenbürtigen Kraft, den Klavierexzentriker Glenn Gould, der einst sagte, dass er zu einem musikalischen Sonnensystem gehöre, dessen einziger Bewohner er sei. Jarrett ist ein ähnlicher Solitär. Auf Interpretationen seiner Kunst, egal ob von professionellen Kritikern oder Fans, reagiert er verstimmt. Den Entstehungszusammenhang seiner Stücke verrätselt er konsequent. So sind seine meditativen Exkurse auf „Creation“ bloß lapidar mit „Part 1“ bis „Part 9“ benannt.

Nur ganz selten gab er in seiner Karriere (meist poetische) Hinweise. Etwa als er sein 1976 auf einer Barockorgel eingespieltes Werk „Hymns/Spheres“ einen Gedanken von Getrude Stein voranstellte: „Think of your ears as eyes.“ Niemand außer ihm selbst weiß, welche existenzielle Erfahrungen zu jener melancholischen Tiefe geführt haben, wie sie etwa „Part V“ auf „Creation“ auszeichnet.

Jarretts bedachtsamer, mit kleinen Zögerlichkeiten flirtender Anschlag hat nach wie vor jede Menge Magie. Seine neuen Stücke sind allerdings keine Kraftakte des Geistes mehr, wie seine muskulösen Einspielungen in den Achtzigerjahren. Aus ihnen spricht heute viel eher eine wehe Seele von einer unbestimmten Sehnsucht nach Transzendenz. Plötzlich menschelt es beim Virtuosen.


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